Plattpfirsiche und Rispentomaten sind nächste Woche im Angebot. Socken im Dreierset für nur 2,99 Euro, und der aprilfrische Weichspüler ist um 25 Prozent reduziert. Mit einem roten Edding kreise ich die Bilder ein und blättere weiter auf der Jagd nach Schnäppchen. Seit ich ein Kind bin, gehören Discountprospekte zu meiner Lektüreroutine.
Ich bin damit aufgewachsen, Lebensmittel nach dem Preis pro Gewicht zu vergleichen und den Weg in den nächsten Supermarkt auf mich zu nehmen, wenn sich ein paar Cent einsparen liessen. An der Kasse klebt mein Blick prüfend am Display, damit sich kein Fehler beim Scannen einschleicht; das passiert öfter, als man denkt.
Wer mit wenig Geld aufwächst, lernt mitzurechnen: Gönne ich mir die Milka-Schokolade – oder spare ich für den Döner am Nachmittag? Busticket kaufen oder lieber zu Fuss nach Hause? Kann ich mir den Kinofilm mit Freund*innen heute Abend leisten, wenn ich auf Popcorn und Cola verzichte, oder sollte ich doch absagen? Aus Krankheitsgründen natürlich – wer will schon einen leeren Geldbeutel zugeben.
«Als Arbeiterkind spürt man die Klassenzugehörigkeit am ganzen Leib», schreibt Didier Eribon in Rückkehr nach Reims.1 Mit seinem autobiografischen Essay hat der französische Philosoph eine Sprache gefunden für die sozialen Mechanismen, die zu Scham und Ausgrenzung führen und Klassenunterschiede über Generationen hinweg fortschreiben. Eribon dechiffriert die sozialen Spuren von Armut und Aufstieg am eigenen Leib, der Autor zeigt sich ehrlich und verletzlich.
Ich weiss, wovon er spricht. In der Schulzeit entging mir nicht, dass die Kleidung, die ich am Körper trug, und die Wörter, die ich sprach, und die Art, wie ich mich bewegte, verrieten, aus welchem sozialen Haushalt, aus welchen Klassenverhältnissen ich kam. Auch das Pausenbrot in der Tasche war ein milieuspezifisches Register – genauso wie Dinge, die Kinder besassen.
Während manche Klassenkamerad*innen Markenklamotten, hochwertige Unterhaltungselektronik, ja sogar Urlaubsreisen zum Geburtstag geschenkt bekamen, packte ich Schulhefte und Unterwäsche aus dem Discounter aus.
Andere Kinder hatten Akademiker-Eltern, die ihnen bei Schulaufgaben, bei Bewerbungen für Praktika, Stipendien und Studiengänge unter die Arme griffen, die die «richtigen» Bücher im Regal stehen hatten und hier und da einen Kontakt aus der Tasche zogen, um den Weg zu erleichtern. Sie waren privatversichert und wurden in Arztpraxen bevorzugt, für ihre Beschwerden fanden sie schnelle und kompetente Hilfe. Ihre Eltern investierten in Gesundheit und Karriere. Gut situierte Familien zahlten ihren Söhnen und Töchtern exklusive Nachhilfestunden und ein Highschool-Jahr in den USA genauso wie Freizeitaktivitäten: Klavier und Geige, Reiten und Standardtanz – Hobbys, die, wie ich erst Jahre später realisierte, das kulturelle Kapital enorm steigerten.
Ich beobachtete genau, wie sich eine bürgerliche Elite formt, welche Kommunikationsregeln sie pflegt, wie sie Biografien ausgestaltet und dabei ihre Ressourcen, ihr Wissen und ihre Strategien vor den Augen anderer verbirgt, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Klasse ist ein Instrument, um Privilegien zu sichern und Gesellschaft zu beherrschen. Das funktioniert auch über Gefühle. Armut lehrt, sich zu schämen und unsicher zu sein, ob man existieren darf. Sie beeinflusst die Gesundheit und belastet die Psyche. Sie kann zu Isolation und Vereinsamung führen. Sie bedeutet Ausschluss und Unterdrückung.
Wenn ich genau hinsehe, liegen Welten zwischen meinem jetzigen und meinem früheren Leben. Der Erfolg, der in Bildungsabschlüssen, Auszeichnungen und öffentlicher Reichweite gemessen wird, lässt mich manchmal wie ein Verräter fühlen. Der sogenannte soziale Aufstieg bedeutet auch Verlust und in Konflikt mit grossen Teilen der eigenen Biografie zu stehen. Auch darüber schreibt Eribon: wie die eigene Neuerfindung, die Anpassung, das Überleben in der herrschenden Klasse zu einem Bruch führen, der einen entfernt von der Welt, in der man weiterhin lebt. «Über mehrere Jahre hinweg musste ich immer wieder vom einen Register ins andere wechseln, vom einen Universum ins andere. Und diese Zerrissenheit zwischen beiden Persönlichkeiten, zwischen diesen beiden Rollen und sozialen Identitäten […] brachte in mir eine Spannung hervor, die mir immer unerträglicher wurde und die mich, so viel ist sicher, extrem verunsicherte.»2
Auch ich weiss, woher ich komme. Unter den Mächtigen befürchte ich «aufzufliegen»: als Eindringling, der sich hineingeschmuggelt hat, dessen Körperhaltung oder versehentliches Stottern, mindestens der Name, Haut und Haar, ja auch die kulturelle Herkunft
und die fremde Religion ihn überführen.
Und unter den sozial Schwachen, den Ausgegrenzten und Ausgebeuteten habe ich Angst, den Anschluss nicht mehr zu finden, weil ich mich im Lebensentwurf, im Sprechen, selbst im Fühlen entfernt habe.
Und trotzdem vergesse ich nicht: Die Vergangenheit verfolgt einen wie ein Geist. Was du gelernt hast, kannst du nicht so einfach abschütteln. Das ist irgendwie auch gut, lehrt Demut und erinnert, was das Ziel sein muss: Ich will mich nicht damit zufrieden geben, individuelles Glück zu maximieren. Es muss darum gehen, Hierarchien abzuschaffen, zu teilen und solidarisch miteinander zu sein.
Im August 1973 legten «Gastarbeiter*innen» aus der Türkei bei Ford in Köln die Arbeit nieder. Sie streikten, weil ihre Löhne deutlich niedriger waren als die ihrer deutschen Kolleg*innen und ihre Arbeitsbedingungen miserabel. Ihr Protestruf «Herkese Bir Mark Daha» – eine Mark mehr für alle – war mehr als eine Lohnforderung, es war ein Entwurf für Gerechtigkeit, der bis heute nachwirkt. Schliesslich ist die kapitalistische Ausbeutung weiterhin eine Konstante, die nur mit einer Zukunft beantwortet werden kann, die unser aller Wohl in den Mittelpunkt rückt und den Hunger nach Gerechtigkeit stillt. Nicht ein Prospekt mit Einzelangeboten, sondern eine Welt, in der das Gute für alle im Angebot ist. Während die reichsten zehn Prozent in Deutschland wie in der Schweiz den grössten Teil des Vermögens horten (rund 60 Prozent!), bleibt der ärmeren Mehrheit kaum etwas – eine Kluft, die Umverteilung zwingend macht. Das erfordert eine Politik, die die Besitzenden zur Verantwortung zieht: Eat the Rich!