Mit dieser Nummer verabschieden wir unsere langjährige Kollegin Geneva Moser aus der Redaktionsleitung. Ihre Nachfolgerin Nada Sayed hat sich in Neue Wege 1.26 vorgestellt. Wir freuen uns derzeit über die gelingenden und inspirierenden Übergänge – so anspruchsvoll sie in unserem kleinen Kollektiv auch sind.
Im Sommer 2018 startete Geneva mit der Arbeit in der Redaktionsleitung. Den Namen ihrer persönlich-politischen Kolumne Gefühlsduselei lesen wir im Nachhinein als Anspruch auf eine queerfeministisch-philosophisch-theologische Horizonterweiterung bei den Neuen Wegen. Im Kampf für eine gerechtere und inklusivere Welt müssen wir Affekte und Emotionen als etwas Politisches begreifen. Und Gefühlsduselei verstanden wir deshalb immer auch als Ansage, dass Befindlichkeiten auch in der alltäglichen Redaktionsarbeit und in politischen Haltungen Platz haben und reflektiert werden sollen. Auf beiden Ebenen hat Geneva bei uns im Team und in der Redaktion viel erreicht.
Geneva war mit Leib und Seele Redaktorin der Neuen Wege. Die Zugehörigkeit zu dieser Zeitschrift, zur Tradition des religiösen Sozialismus und zu unserer kollektiven Arbeit in kleinen und grossen Netzwerken schien für sie – wie für andere von uns – etwas Existenzielles zu haben. So schreibt sie nun in diesem Heft in ihrer letzten von Dutzenden stets überraschenden und aufwühlenden Gefühlsduseleien: «Hier kann fundierte Religionskritik stattfinden, hier ist Religion keine rein innerlich-spirituelle Sache, hier sind […] Alternativen zum Kapitalismus keine Schreckgespenster. Und hier werden die alltäglichen Beziehungsbanden politisch verstanden und gelebt.» Immer wieder einmal sah Geneva unsere Arbeit in guter Tradition im Horizont des «Reiches Gottes».
Die Neuen Wege möchten mit jeder Ausgabe ein lebendiges Archiv von Zeichen der Zeit sein und zu reflektierter Wachsamkeit und Widerstand aufrufen. Geneva hat unsere Zeitschrift mit präzis formulierten Fragestellungen und vielen konkreten Schwerpunktthemen bereichert. Um nur ein paar wenige zu nennen: queer glauben, Ökotheologie, neue Lyrik, gschämig/Scham, Reproduktion und Gerechtigkeit, Tier/Befreiung/Theologie, widerständige Heilige. Zudem hat sie in den Neuen Wegen immer wieder Inspiration aus ihrem breiten Netzwerk einfliessen lassen und diesen und neuen Kreisen wiederum die Neuen Wege nähergebracht.
Geneva war in der über siebenjährigen Zeit der Zusammenarbeit bei gleichzeitig verbindlicher Kontinuität immer wieder für eine überraschende Wende gut. Nicht zu übertreffen: ihr Eintritt als Postulantin in die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen/D am Rhein – mit der allseits abgesprochenen und verheissungsvollen Option, dass fortan ein Teil der Redaktionsarbeit der Neuen Wege von einer Klosterzelle aus geleistet wird. Geneva tauchte voll in die Spiritualität der Gemeinschaft ein. Und doch: ein Jahr später ihr Austritt aus dem Kloster und ihre Rückkehr in die Schweiz – zusammen mit ihrer Mitschwester und heutigen Ehepartnerin …
Geneva hat an vielem mitgebaut, das die Neuen Wege weiter prägen wird. Nicht zuletzt gehört das Format Festival dazu – mit der ersten grossartigen Edition hope.fight.love 2024 in Zürich aus Anlass des 150. Geburtstags von Clara Ragaz, welche ursprünglich auf Genevas Idee und begeistertes Engagement zurückgeht. Wir freuen uns, dass Geneva die intensive Beschäftigung mit dieser Vordenkerin und Pionierin nun in einem Buchprojekt fortsetzt – kein schlechter Grund, die Redaktionsarbeit bei den Neuen Wegen zu beenden. Auch wenn wir natürlich wehmütig sind.
Geneva, wir danken dir für das gemeinsame Stück Weg, das uns alle geprägt hat. Die enge gegenseitige Begleitung in der Arbeit, im Alltag und durch die Weltenlage werden wir vermissen. In veränderten Rollen werden Freundschaften und Kooperationen jedoch fortdauern. Wir wünschen dir von Herzen alles Gute auf deinen Wegen!
Anne-Christine Halter und Matthias Hui, Leitung Neue Wege