Ein gutes Jahr ist seit dem Beginn der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump vergangen, und doch fühlt sich diese Zeit bereits jetzt wie eine halbe Ewigkeit an. Dabei ist kaum noch jemand in der Lage, bei der atemberaubenden Taktung des radikalsten Rückbaus von Demokratie und Rechtsstaat in der US-Geschichte mitzuhalten. Die Strategie, durch permanente Desinformation, Einschüchterung, Provokationen und Lügen Verwirrung zu stiften und Lähmung zu bewirken, trägt Früchte. In Europa stehen Trumps Feldzug gegen missliebige Medien, Universitäten und politische Kontrahenten, seine zerstörerische Zollpolitik, der erpresserische Umgang mit der Ukraine – inklusive einer verstörenden Bromance mit Putin –, die schamlose Vermischung von privaten Geschäften des Trump-Clans mit der Präsidentenrolle oder die halsbrecherische Gaza-Intervention im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Überall fehlt die geringste Spur von Empathie für die betroffenen Menschen. Der Blick aus Lateinamerika auf die MAGA-US-Administration und ihr Einreissen von Brücken, auf eine Politik der Gewalt und Menschenverachtung stellt aber auch noch deutlich andere Fragen. Wie sehen Menschen aus verschiedenen Kirchen und ökumenischen Initiativen südlich und nördlich des Rio Bravo die von der republikanischen US-Regierung ausgelösten tektonischen Verschiebungen auf dem Doppelkontinent? Ich konnte mit fünf von ihnen ausführliche Gespräche führen.
Jürgen Schübelin: Ricardo Schlegel, Sie gehören als Generalsekretär einer evangelischen Kirche in Argentinien zu den Menschen, die sich den ethischen Werten eines Zusammenlebens auf der Grundlage von Respekt und Nächstenliebe verbunden fühlen. Was ist aus Ihrer lateinamerikanischen Sicht beim Blick auf die USA diesmal anders als während der ersten Präsidentschaft von Trump 2017 bis 2021?
Ricardo Schlegel (Argentinien): Dieser unverhohlene Krieg gegen die Menschenrechte und gegen alle, die diese Werte und Rechte verteidigen! Natürlich gab es auch während der ersten Trump-Administration massive Rechtsverletzungen, etwa die herzzerreissenden, brutalen Trennungen von Kindern von ihren Eltern, die versucht hatten, als Flüchtende US-Territorium zu erreichen und dort aufgegriffen wurden. Aber was wir 2025 erlebten, hat eine andere Qualität, ist viel systemischer, grundsätzlicher.
Und es strahlt aus: Argentiniens Präsident Javier Milei ist einer der fanatischsten Bewunderer und Nacheiferer von Trump in Lateinamerika. Er hat es geschafft, dass im Diskurs seiner Regierung und der ihr nahestehenden Medien diejenigen, die über Menschenrechte und die Verbrechen des Militärregimes in Argentinien in den Jahren 1976 bis 1983 sprechen, in einem Atemzug mit Terroristen genannt werden. Dazu gehören auch wir von der evangelischen La-Plata-Kirche. Wir waren uns sicher, dass 77 Jahre nach der feierlichen Verkündigung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN-Generalversammlung, an der ja die damalige US-Regierung ganz massgeblich beteiligt war, diese universalen Errungenschaften der Menschheit nicht mehr derart grundsätzlich infrage gestellt werden könnten. Aber wir haben uns gründlich getäuscht.
Wir erfahren noch einen anderen fundamentalen Unterschied zur ersten Präsidentschaft von Trump. Wir sind eine Organisation von Familienangehörigen von Menschen aus dem Regierungsbezirk Yoro, die auf der Flucht aus Honduras und bei dem Versuch, in den USA Schutz und eine Perspektive zu finden, spurlos verschwunden sind. Sie flüchten vor Gewalt, insbesondere vor dem Terror der Maras – schwerbewaffneter krimineller Organisationen, die längst nicht mehr nur einzelne Armenviertel, sondern ganze Wirtschaftsbereiche kontrollieren. Für die Geflüchteten, die von massiven Zwangsdeportationen aus den USA zurück nach Honduras betroffen sind, geht es diesmal um Leben oder Tod. In Militärflugzeugen und wie Schwerverbrecher gefesselt in Ketten werden sogar Menschen deportiert, die in ihren Asylverfahren beweisen konnten, dass sie auf ihrer Flucht den mörderischen Maras nur um Haaresbreite entkommen sind. Das Ergebnis: Allein in den vergangenen Wochen mussten wir uns mit drei Fällen beschäftigen, in denen Jugendliche, die von den US-Behörden unter Zwang nach Honduras verbracht wurden, die Rückkehr in unser Land keine 24 Stunden überlebten. Sie wurden sofort von ihren Verfolgern ausfindig gemacht und getötet.
Jürgen Schübelin: Pablo Álvarez, Sie sind katholischer Theologe in Venezuela. Wie wirkt sich die zweite Amtszeit von Präsident Trump aus Ihrer Sicht auf den Kontinent und insbesondere auch Ihr Land aus?
Pablo Álvarez (Venezuela): Die Auswirkungen von Trumps zweitem Wahlsieg und des ersten Jahres seines neuerlichen Mandats auf die Krise der Demokratie in Lateinamerika sind ungleich verheerender als das, was wir während seiner ersten Amtszeit erlebt haben. Dieses ganz grundsätzliche, unablässige Infragestellen demokratischer und partizipativer Entscheidungsfindungsprozesse, einschliesslich der Wahlsysteme oder des Prinzips der Gewaltenteilung, breitet sich wie ein wucherndes Krebsgeschwür auf den Süden unseres Doppelkontinents aus: Es trifft die geschwächten Zivilgesellschaften unserer Länder bis ins Mark. Es diskreditiert und kriminalisiert Bürger*innenbewegungen und jeden noch so berechtigten öffentlichen Protest. Vor allem ist es Wasser auf die Mühlen jener Staatspräsidenten, die im Windschatten von Trump an der Absicherung autoritärer Systeme bauen: etwa Nayib Bukele in El Salvador oder Javier Milei in Argentinien. Und natürlich liefert Trump auch denjenigen willkommene Argumente, die schon seit Jahren ihre Regime auf dreist gefälschte Wahlergebnisse und Repression stützen, wie Nicolás Maduro mit seinem Polizeistaat hier in Venezuela oder der Ortega-Clan in Nicaragua. Da passt es ins Bild, dass US-Aussenminister Marco Rubio auf seinen Reisen nach Lateinamerika offen dafür eintritt, Organisationen und Institutionen, die für die Menschenrechte kämpfen, zu verbieten – und sie wegen der Unterstützung, die sie in der Vergangenheit auch von Kirchen, Entwicklungs- und Hilfsorganisationen aus den USA erhielten, zu verteufeln und als kriminell zu diffamieren.
Jürgen Schübelin: Was bedeutet das für Sie in Venezuela?
Pablo Álvarez (Venezuela): Mit den jüngsten Entwicklungen hat sich die Lage noch einmal deutlich verändert: Eine gewaltige US-Armada, einschliesslich des grössten Flugzeugträgers der Welt, der USS Gerald R. Ford, ist vor der Küste von Venezuela präsent und führt Angriffe auf mutmassliche Schmugglerboote durch. Bislang wurden mindestens 83 Menschen getötet oder, präziser formuliert: aussergerichtlich hingerichtet. Maduro steht unter massivem Druck, auch weil gemäss Umfragen nur eine kleine Minderheit der Menschen im Land bereit wäre, sein Regime bei einem US-Angriff zu verteidigen. Aber, um es ganz nüchtern zu sagen: Uns allen ist bewusst, dass es Trump bei einem von ihm forcierten Regimewechsel nicht darum ginge, die Menschen in Venezuela dabei zu unterstützen, sich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurückzuerkämpfen oder uns vor der Brutalität und dem Terror der organisierten Kriminalität und den kleptokratischen Auswüchsen des Militär- und Staatsapparats zu schützen. Der Fokus der USA liegt ausschliesslich auf der Kontrolle und dem Zugriff auf Venezuelas Erdöllagerstätten und all die anderen Bodenschätze. Schon jetzt befinden sich mehr und mehr Ölquellen im Land im direkten Besitz von US-Unternehmen, die die Förderung und den Export dieses Rohstoffes in die USA organisieren. Einen Beleg für die Verachtung von Trump und seiner Regierung für die Menschen- und Bürgerrechte sehen wir in ihren langatmigen und pathetischen Statements zur Begründung der US-Marineoperation in der Karibik: Er und sein Kriegsminister Pete Hegseth gehen darin nicht mit einem Wort auf den tagtäglichen Überlebenskampf der Mehrheit der venezolanischen Bevölkerung, die omnipräsente Repression durch das Regime und das Leiden der vermutlich über eintausend politischen Gefangenen im Land ein.
Jürgen Schübelin: Schwester Letty Gutiérrez, Sie arbeiten in den USA mit Geflüchteten. Was macht diese politische Entwicklung mit den Menschen, die ganz direkt von den seit dem 20. Januar 2025 veranlassten Dekreten und Massnahmen Trumps betroffen sind?
Letty Gutiérrez (USA): Für Hunderttausende ist das, was sie seit Anfang 2025 erleben, ein nicht enden wollender Albtraum. In unserer Diözese El Paso ist das Leben immer schon stark durch Menschen geprägt worden, die vor allem aus Mittelamerika in die USA eingewandert sind. Hier herrscht jetzt eine regelrecht psychotisch-panische Grundstimmung, die auch körperlich krank macht. Eine Mutter, die seit 37 Jahren hier lebt, immer hart gearbeitet und ihre Kinder grossgezogen hat, sagte mir neulich: «Uns hat das Trump-Virus erwischt.» Gemeint ist, dass sie und ihre Familie unter Angststörungen, ständigen Kopfschmerzen, Ess- und Schlafproblemen leiden.
Viele Menschen trauen sich nicht mehr aus ihren Wohnungen, aus Angst, von ICE-Agent*innen – der mit demonstrativer Brutalität vorgehenden Migrationspolizei – auf der Strasse aufgegriffen und deportiert zu werden. Die Dekrete aus dem Weissen Haus zwingen sie, ein Leben als Unsichtbare zu führen. Wenn es in einer Familie ein Mitglied gibt, das über die US-Staatsangehörigkeit oder einen gesicherten Aufenthaltsstatus verfügt, hängt an dieser Person alles. Sie muss alle Besorgungen erledigen, sie versucht, Geld zu verdienen, um die Familie irgendwie über Wasser zu halten. Hier in Texas heizen die Trump-nahen Medien Tag für Tag die Stimmung gegen Geflüchtete an und verbreiten dabei ohne jegliche Hemmungen Falschnachrichten – im Stil der berüchtigten Haitianer-essen-die-Haustiere-ihrer-Nachbarn-Story, die Trump frei erfunden hat.
Wenn wir uns als Ordensfrauen der militarisierten Grenze in der Wüste nähern und versuchen, Menschen, die es durch die Mauer und den Zaun geschafft haben, mit Wasserflaschen zu helfen, werden wir von der «Border Control» und den schwer bewaffneten Bürgerwehren regelmässig bedroht. Die erste Frage lautet immer: «Seid ihr überhaupt Amerikaner*innen?» Jahrelang waren zumindest die Kirchen und ihre Einrichtungen sichere Orte für Schutzsuchende. Seit Kurzem ist es jetzt aber erlaubt, dass schwer bewaffnete ICE-Agenten selbst in Klassenzimmer, Gebäude kirchlicher Einrichtungen und Gotteshäuser eindringen, um nach Geflüchteten ohne Aufenthaltsstatus zu suchen und sie an Ort und Stelle zu verhaften.
Jürgen Schübelin: Alexander Wilckens, Sie sind in Chile in der evangelisch-lutherischen Kirche tätig. Sie erleben vor Ort, was abgeschobene Menschen durchmachen.
Alexander Wilckens (Chile): Derartige Deportationen, wie sie Hermana Letty Gutiérrez schildert, sind eine extrem traumatische Erfahrung: Immer mehr junge Menschen, die mit Abschiebeflügen aus den USA nach Chile verbracht werden, berichten von tagelangen folterähnlichen Behandlungen, von Essensentzug, vom Zusammengepferchtwerden in kalten Zellen, von rassistischen Beleidigungen und körperlicher Misshandlung. Chile ist im Moment noch das einzige lateinamerikanische Land, aus dem mit einem vereinfachten Visaverfahren ein legaler Drei-Monats-Aufenthalt in den USA möglich ist. Aber auch unter den geschätzt 190 000 Chilen*innen, die sich derzeit in den USA aufhalten, herrscht grosse Unsicherheit, was ihren Aufenthaltsstatus anbelangt. Die Bilder und Berichte von den Abschiebeflügen zeigen Wirkung.
Es gibt noch einen anderen Aspekt, der uns als evangelisch-lutherische Kirche zutiefst besorgt: Trumps öffentlich inszenierte Dammbrüche, seine brutale, vulgäre Sprache und die seiner Regierungsmitglieder wirken sich direkt auf die politische Kultur hier in Lateinamerika aus: Im hinter uns liegenden Wahlkampf um das Präsidentenamt und die Mandate der beiden Parlamentskammern haben sich die Kandidatin und die beiden Kandidaten der drei grossen Rechts- und Rechtsaussenparteien für das höchste Amt im Staat mit extremen Forderungen gegenseitig zu übertrumpfen versucht: Sie verlangten die Wiedereinführung der Todesstrafe in Chile, das neuerliche Verlegen von Antipersonenminen entlang der Grenze zu Bolivien und Peru, den Bau von Hochsicherheitsabschiebelagern mitten in der Atacama-Wüste sowie, völlig grotesk, die Schaffung einer Flotte von Gefängnisschiffen, die vor der Pazifikküste kreuzen sollen. Die rechtsgerichteten Parteien in unserem Land pendeln zwischen den Positionen von Trump, Milei und Bukele. Sie überbieten sich wie die US-Republikaner*innen beim Schüren von Wut und dem Aufstacheln zu Hass auf Andersdenkende oder auf Menschen, die als Geflüchtete und Migrant*innen nach Chile kommen.
Dieser tiefe Riss, der unsere Gesellschaften in Lateinamerika spaltet, hat auch Folgen für den Umgang zwischen den Kirchen: Für uns als kleine evangelisch-lutherische Gemeinden, die seit dem Militärputsch vor 52 Jahren immer couragierte Verteidigerinnen der Menschenrechte waren und sind, aber auch für andere Konfessionen und Denominationen, denen wir uns ökumenisch verbunden fühlen, gibt es praktisch keinerlei Gesprächsgrundlage mehr mit jenen evangelikalen Kirchen im Land, die – genauso wie in den USA – statt für Demokratie und Rechtsstaat für eine christlich-fundamentalistische Autokratie eintreten.
Jürgen Schübelin: Was sind die strukturellen Auswirkungen der Politik von Trump, etwa in Honduras?
Iveth Plneda (Honduras): Die Zerschlagung des US-Entwicklungs- und Humanitäre-Hilfe-Programms USAID gehört für die Menschen in Mittelamerika zu den verheerendsten Auswirkungen aller seit Januar 2025 gefällten Entscheidungen der Trump-Administration. Für die Betroffenen in Honduras ist das eine maximale Katastrophe: Von einem Tag auf den anderen brachen die Unterstützungsmöglichkeiten für Geflüchtete, die in unserem Land gestrandet sind – etwa Menschen aus Haiti, Venezuela, Nicaragua – weg. Lebenswichtige Gesundheitsprojekte, Programme zur informellen Bildungsarbeit mit Kindern, die vom offiziellen Schulsystem nicht mehr erreicht werden, oder die Förderung von kleinen, Einkommen schaffenden Initiativen von Müttern, die gezwungen sind, ihre Kinder alleine grosszuziehen, mussten die Arbeit unmittelbar einstellen. Durch die Zwangsdeportation von inzwischen mehreren Tausend Landsleuten aus den USA zurück nach Honduras bleiben für die betroffenen Familien auch noch deren Dollar-Überweisungen aus, mit denen sie sich mehr schlecht als recht über Wasser halten konnten. Unsere Regierung ist von dieser Entwicklung völlig überfordert. Es gibt keinerlei Ressourcen, um diese riesigen Lücken zu schliessen. Die Folge: schiere Verzweiflung, Depressionen, immer mehr Fälle von Selbstmord – und das in einer Phase, in der unser Land – nicht zuletzt durch die dramatischen Folgen des Klimawandels – ohnehin immer mehr in die extreme Armut abrutscht.
Jürgen Schübelin: Dennoch erreichen uns zuletzt auch immer mehr Berichte über öffentlichen Widerstand und organisierte Gegenwehr. Gibt es Entwicklungen und Momente, die in diesen bedrohlichen Zeiten Mut machen?
Letty Gutiérrez (USA): Ja! Uns ist es gelungen, erstmals am 23. März 2025 und danach mehrfach mitten in El Paso einen grossen «Marsch der Solidarität» mit Migrant*innen zu organisieren. Der Marsch wurde angeführt vom Bischof unserer Diözese, Mark Joseph Seitz, der gleichzeitig auch der Beauftragte für die Menschenrechtspastoral in den USA ist. Fast alle Priester und Diakone, Ordensleute und engagierte Laien aus den Gemeinden beteiligten sich. Aus Washington war der Nuntius angereist, und auch andere Glaubensgemeinschaften stellten sich an unsere Seite. Die Hauptforderung auf den Transparenten lautete: «Make America Kind Again» (Macht Amerika wieder freundlich).
Seit Monaten treffen wir uns ausserdem jeden Mittwoch mit Menschen aus verschiedenen Kirchen vor dem Gerichtsgebäude, in dem über Asylanträge und Abschiebungen entschieden wird. Dort werden Migrant*innen zum Teil unmittelbar nach dem Verlassen des Gerichtssaals auf brutalste Weise von ICE-Agenten festgenommen, obwohl ihre Verfahren noch überhaupt nicht abgeschlossen sind. Wir kämpfen darum, die verhafteten Migrant*innen in den Internierungszentren von El Paso, Otero, Chaparral und Nuevo México begleiten zu können. Wir leisten mit allen Mitteln Widerstand dagegen, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden. Die Haftbedingungen in diesen im Auftrag des Staates privat und kommerziell betriebenen Zentren sind brutal. Vor allem ältere Menschen oder solche mit Gesundheitsproblemen leiden extrem. Zum Teil dauert es bis zu einem Jahr, ehe es nach der Verhaftung zur Deportation kommt. Während dieser ganzen Zeit sind wir vor Ort und versuchen zu helfen, wie es uns möglich ist. Wir sind die Verbindung dieser Menschen nach aussen, halten die Kontakte zu Angehörigen, informieren die Öffentlichkeit über das, was hinter den Stacheldrahtzäunen in den Lagern vor sich geht. Wir versuchen, die Betroffenen in ihrer Verzweiflung und ihrem Ausgeliefertsein nicht alleinzulassen. Unsere Hoffnungen richten sich in diesen Monaten auch auf Bundesstaaten wie Kalifornien, Illinois, Massachusetts oder auf Städte wie Los Angeles, Chicago, Washington D. C. und zuletzt natürlich New York, wo es wachsenden Widerstand gegen den von der Trump-Regierung befeuerten Rassismus, die brutalen Menschenjagden der ICE-Agenten und das stakkatohafte Unterfüttern von xenophoben Reflexen gibt. Trotz wachsendem zivilem Ungehorsam und Protesten sind wir bislang aber immer noch eine Minderheit, die das Gesicht zeigt und auf die Strasse geht. Aber unser Protest wird wahrgenommen und macht vielen Menschen, die auf uns schauen, Mut.
Alexander Wilckens (Chile): Mich ermutigt die Erfahrung unserer lokalen Arbeit im ausgedehnten Armenviertelbezirk Villa O’Higgins im Südosten von Chiles Hauptstadt Santiago. In der kleinen Belén-O’Higgins-Schule, die von der evangelisch-lutherischen Versöhnungsgemeinde getragen wird, kommen die Familien von inzwischen über einem Drittel der Kinder aus Peru, Bolivien, Venezuela, Haiti und Argentinien, dazu gibt es in den Klassen Mädchen und Jungen, die ethnische Mapuche sind. Wir erleben im Alltag, wie Integration und Zusammenleben gelingen, wie Kinder ohne Vorurteile völlig unbefangen miteinander umgehen. Wir können als Kirche –
ohne viel Aufhebens – einen Beitrag zum respektvollen Zusammenleben auch der Erwachsenen und zum Zurückdrängen der Gewalt im Viertel leisten, weil die Arbeit der Schule auf die Nachbarschaft ausstrahlt. Vermutlich wird nie jemand aus der US-Administration etwas von unserem Engagement und dem in vielen anderen, ganz ähnlichen Projekten und Initiativen erfahren. Aber wir sind uns sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Pablo Álvarez (Venezuela): Eine der erstaunlichsten Entdeckungen angesichts dieses Zivilisationsbruchs, den wir gerade erleben, ist das Erstarken von Resilienz- und Widerstandskräften bei ganz vielen Menschen. Um zunächst einen ganz weltlichen Aspekt zu erwähnen: Viele kleine und mittlere Unternehmen in Venezuela, ganz oft Familienbetriebe, finden Mittel und Wege, um inmitten dieser Dauerkrise und den unablässigen Bedrohungen trotzdem arbeiten, produzieren und so ihren Beitrag zum Überleben der Menschen leisten zu können. Dann werden wir Zeug*innen von etwas, was es in Venezuela so lange nicht gab: ganz viel Selbstorganisation im Kleinen, oft unter dem Dach der Kirchen, Überlebensarbeit in grösstmöglicher Distanz zum Regime. Wir sind in diesen Jahren sehr tief gefallen, haben viel von unserer Würde und Selbstachtung verloren. Aber jetzt entdecken wir Werte wie Solidarität und Grosszügigkeit wieder. Die Gottesdienste und Kirchen sind brechend voll. Die Menschen spüren: Es gibt keinen Karfreitag, auf den nicht Ostern folgt!
Ricardo Schlegel (Argentinien): Wir tragen als Kirchen in diesen Zeiten eine ungeheure Verantwortung. Es geht um nichts weniger als die Bewahrung der Schöpfung und die Verteidigung der Menschenrechte. Die schlechteste aller Antworten, die wir auf Trump, Milei, Bukele und andere Autokraten geben könnten, wäre zu schweigen. Fast 92 Jahre nach der Erklärung von Barmen der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus ist für mich klar: Wir, die Kirchen, müssen Widerstand leisten! Jetzt ist unsere Haltung gefragt. Es geht darum, dem Evangelium treu zu sein. Jesus hat Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch und Menschenverachtung klar benannt. Und er hat deutlich gemacht: Neutral an der Seitenlinie zu stehen, ist nicht möglich. Was mir Mut macht, ist mitzuerleben, wie in meinem Land die Zahl der Menschen, die auf die Strasse gehen, um gegen Willkür und die Zerstörung der Werte unseres Gemeinwesens zu protestieren, wächst. Eine ganz wichtige Rolle spielt in Argentinien die CEICA, ein breites ökumenisches Bündnis der christlichen Kirchen – und der Ökumenische Runde Tisch für Demokratie, Leben und Gemeinwohl. Wir haben diese Demonstrationen, die inzwischen jede Woche, immer dienstags, vor dem von Milei geschaffenen «Ministerium für Humankapital» (!) stattfinden, mit dem Slogan überschrieben: «Schluss mit dem Hunger, wir fordern das Recht auf Leben!».●
Durch ihre hilfreichen Kontakte mitermöglicht haben diesen Beitrag: Anna Brunner, Koordinatorin des Programms Ziviler Friedensdienst (ZFD) von Brot für die Welt für Zentralamerika, San José, Costa Rica; Claudia Vera und José Horacio Wood von der ökumenischen Kinderrechte-Stiftung und Kindernothilfe-Österreich-Partnerorganisation Fundación ANIDE in Santiago, Chile; sowie Reiner Wilhelm, Venezuela- und Kolumbienreferent bei ADVENIAT, Essen.
Pablo Álvarez (*1965) ist katholischer Theologe, Pädagoge und Kommunikationswissenschaftler in Caracas, Venezuela. Álvarez ist nicht der richtige Name unseres Gesprächspartners, dieser soll zu seinem Schutz vor Repression nicht veröffentlicht werden. Aber seine Kontaktdaten liegen der Redaktion vor.
Schwester Leticia (Letty) Gutiérrez (*1968) ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Scalabrini-Missionarinnen in El Paso, USA. Sie ist Sozial- und Migrationswissenschaftlerin und Direktorin des Programms der Diözese El Paso zur Unterstützung von Migrantinnen und Migranten (MHM).
Iveth Pineda (*1988) ist Psychologin und Direktorin der ökumenischen Nichtregierungsorganisation COFAMIPRO (Comité de Familiares de Migrantes Desaparecidos del Progreso) in El Progreso, Department Yoro, in Honduras. COFAMIPRO ist eine Partnerorganisation von Brot für die Welt.
Ricardo Schlegel (*1966) ist Diakon, Pädagoge und Theologe in Buenos Aires, Argentinien. Er ist seit März 2021 Generalsekretär der Evangelischen Kirche am La Plata (Iglesia Evangélica del Río de la Plata IERP).
Alexander Wilckens (*1972) ist Historiker und war zwischen 2013 und 2017 Generalsekretär des Rates der Lutherischen Kirchen in Chile. Er ist derzeit Präsident der ökumenischen Kinderrechtsorganisation Fundación ANIDE, Geschäftsführer der Corporación Educacional Martin Lutero der Ev.-luth. Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile und Direktor der Schule Belén O’Higgins.
*1956, ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er arbeitete 13 Jahre in Lateinamerika für den Internationalen Christlichen Friedensdienst EIRENE sowie für Brot für die Welt. Danach verantwortete er über zwei Jahrzehnte als Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik die Programm- und Projektarbeit der Kindernothilfe. Seit 2022 lebt er in Berlin. Seine journalistischen Schwerpunktthemen sind Kinderrechte und Menschen auf der Flucht.