Replik: Gaza – theologische Reflexionen aus dem Globalen Süden

Redaktion Neue Wege, 30. Januar 2026
Neue Wege 1.26

Zum Beitrag Gaza – theologische Reflexionen aus dem Globalen Süden der Theologin Kwok Pui-lan in Neue Wege 1.26 hat unser Leser Guy Bollag aus Zürich eine interessante Kritik formuliert. Guy Bollag ist Teil der Jüdischen Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina JVJP, die in den Neuen Wegen immer wieder zu Wort kam.  

Bollag bezieht sich auf eine Passage am Ende des Artikels von Kwok Pui-lan. Sie nimmt dort Gedanken von Judith Butler aus dem Buch Am Scheideweg auf, worin Butler den Zionismus kritisiert und eine radikal-demokratische Vorstellung demokratischer Koexistenz bietet. Butler geht es, so der Satz im Artikel, darum, «auch jene Gesichtslosen und Fremden einzuschliessen, die von den Jüdinnen und Juden vertriebenen und enteignet wurden, als diese nach eigener Verfolgung einen Zufluchtsort schaffen wollten». 

Bollag kritisiert – unserer Meinung nach zurecht, wenn dieser Satz für sich betrachtet wird – eine Essentialisierung, indem von den Jüdinnen und Juden die Rede sei. Als ob es die Jüd*innen als solche gewesen wären, die so handelten. Als ob der Zionismus in Theorie und Praxis die einzig gültige Lebensweise für Jüd*innen wäre und es keine antizionistische Jüd*innen gegeben hätte, die stets gegen das reaktionäre und diskriminierende Projekt des Zionismus als «Zufluchtsort» gekämpft hätten.

Die Autorin Kwok Pui-lan, von der Redaktion mit der kritischen Rückfrage konfrontiert, ist mit dem Einwand insofern einverstanden, als «natürlich nicht alle Jüdinnen und Juden den Zionismus unterstützten und manche die Enteignung der Palästinenser*innen kritisierten und kritisieren». Butler beziehe sich hier aber auf ein bestimmtes historisches Ereignis, bei dem die Palästinenser*innen während der Gründung des Staates Israel von bestimmten Jüd*innen und ihrer Regierung vertrieben und enteignet wurden. Grundsätzlich könne man Butler sicher nicht vorwerfen, Jüd*innen zu essentialisieren – Butler zeige in ihrem Buch ganz verschiedene jüdische Perspektiven auf den Zionismus und die jüdische Identität auf, so Kwok Pui-lan. Auch mit dieser Aussage gehen wir von der Redaktion her einig. 

Wir sind Guy Bollag dankbar für den Anstoss zum kritischen Nachdenken über diese sprachliche Essentialisierungsfalle.