«Es hat sich alles verschlechtert.» Dieser Satz fällt da und dort in Gesprächen mit den Nachbar*innen, mit dem Uber-Fahrer, mit den eigenen Eltern, an der Supermarktkasse. Oft zeigt dann der Blick in das Leben der betreffenden Person, dass gewisse Grundbedürfnisse durchaus weiterhin gut befriedigt werden: Da ist Raum zum Leben, eine Arbeit, Familie, Urlaub … Und doch ist der Satz nicht gelogen, sondern die Verschlechterung der Lage tief empfunden. Während die Generation davor noch die Erfahrung machte, dass sie sich hocharbeiten konnte, dass das angestrebte Wohneigentum irgendwann zu finanzieren war und sich die Lebensumstände kontinuierlich verbesserten, so gilt dies heute nur für die Wenigsten. Das löst Frust aus, gibt ein Gefühl der Blockade, der Kränkung, der Unfreiheit. Und diese Gefühle können umschlagen. In die Sehnsucht nach dem grossen Knall. In Zerstörungslust.
So weit die Analyse von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem im Oktober 2025 erschienen Buch Zerstörungslust. Die beiden Soziolog*innen wollen den gegenwärtigen rechtsautoritären Backlash verstehen, den Antriebskräften von Trumpismus, AfD-Wählertum und Rechtsruck auf die Spur kommen, den Wutbürger*innen auf den Zahn fühlen. Und ihre Affekte ernst nehmen. Dafür haben die beiden Autor*innen eine Umfrage mit 2600 Teilnehmenden gemacht, im Anschluss zahlreiche Einzelinterviews geführt und beides soziologisch eingeordnet. Das Resultat lässt sich sehen: Das 464 Seiten starke Buch Zerstörungslust wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet, ist für den Preis als Wissenschaftsbuch des Jahres 2026 nominiert, zieht erfolgreich durch alle Feuilletons und zahlreiche TV-Formate. Vom «Buch der Stunde» ist die Rede: Zerstörungslust trifft einen Nerv. Wer dem Chaos der zukunftslosen Gegenwart eine Logik abringen will, ist gut bedient mit dieser so erschütternden wie erhellenden Untersuchung.
Was sind also die Kipppunkte, die die Frustration und Blockade in Zerstörungslust umschlagen lassen? Und wo docken ausgerechnet die Versprechen der Rechten da an?
Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey machen bei den Befragten eine Art Nullsummendenken aus: Für die Blockierung der eigenen Lebensträume werden andere verantwortlich gemacht, die ebenfalls vom Kuchen profitieren wollen, Geflüchtete oder Frauen im Arbeitsmarkt beispielsweise. Der Gewinn der einen ist der Verlust der anderen. Zur Blockade kommt ein Gefühl des Gegängeltwerdens durch bürokratische Vorschriften, Klimagesetze und Sprachregelungen. Die Rechte von Minderheiten erscheinen als Bedrohung, als Einschränkung der eigenen Freiheit, das Vertrauen in die Politik ist verloren gegangen. In dieser Affektgemengelage von Kränkung, Frust und Regiertwerden ist die Lust an der Zerstörung ein Souveränitätsgewinn: Selbstwirksamkeit durch den grossen Knall.
Während der historische Faschismus mit Stolz und Paraden, mit Umsturz und Putsch seine Macht erlangte und festigte, zeigt sich der Faschismus im Präsens als Fantasie innerhalb der Demokratie: Seine Anhänger*innen sind meist nicht ausgesprochen antidemokratisch, seine führenden Köpfe demokratisch gewählt. Aber ihre Ideen sind eindeutig von faschistischer Färbung: hartes Durchgreifen gegen Demonstrationen, schnelle und autoritäre Lösungen statt politischen Aushandelns, die Rede vom «Feind im Innern», geschlossene Grenzen und die Forderung nach sogenannter «Remigration», eine neue Männlichkeit, der «genüssliche Einsatz von Gewalt». Diese Gleichzeitigkeit nennen Amlinger und Nachtwey «demokratischen Faschismus». Er operiert mit einer Rhetorik der Bivalenz: Wertebegriffe werden angeeignet, ihre Bedeutung verschoben; die Sprechakte bleiben widersprüchlich, uneindeutig. Der demokratische Faschismus stiftet Chaos. Und er vereint eine Vielzahl unterschiedlicher «Fans» im Streben nach einem entfesselten «muskulären Kapitalismus»: «Befreit von den Fesseln der Diversity-Programme und Umweltauflagen; muskulär dank eines starken Nationalstaats und des Militärs.»
In den Kapiteln, die den demokratischen Faschismus definieren, überzeugt dieses Buch am meisten. Die Stärke von Amlinger und Nachtwey ist es, dass sie Faschismus weniger als statisches Herrschaftssystem, sondern – im Anschluss an Denker*innen wie Gilles Deleuze, Félix Guattari oder Erich Fromm – viel dynamischer, affektiver, kleinteiliger und alltäglicher denken. Seine «lustvollen Grausamkeiten» zeigen Amlinger und Nachtwey an vielen eindrücklichen Beispielen auf.
Was ist dem demokratischen Faschismus nun entgegenzuhalten? Da sind die beiden Soziolog*innen betont zurückhaltend, ja ausweichend: Ihre Aufgabe sei die Analyse; in eine erneute Bevormundung der Menschen, in ein Formulieren einfacher Rezepte wollen sie, zu Recht, nicht einstimmen. Der Ball sei nun bei der Politik, den Medien, der Kunst, der Zivilgesellschaft – so argumentieren sie in Interviews. Wer den Schluss des Buches genau liest, findet aber durchaus Hinweise, was der «dionysischen Kraft des Faschismus» entgegentreten müsste und wofür es auch eine historische Traditionslinie gäbe: neue Erzählungen von Demokratie und Gerechtigkeit, für die zu kämpfen es sich lohnt – ein Mythos, der affiziert und dem Antifaschismus geistiges Obdach bietet. Man könnte auch sagen: ein Sozialismus für das 21. Jahrhundert.