Die Effingerstrasse beginnt nahe am Bahnhof Bern, im Zentrum der Stadt: eine begehrte Lage für Kanzleien, Büros, Versicherungen. Die Strasse ist breit, gesäumt von herrschaftlichen Altbauten. Hier beginnen wir unsere Recherche. Nach nur wenigen Metern biegen wir in den Innenhof eines etwas in die Jahre gekommenen Gebäudekomplexes mit Kongresszentrum, Lagerräumen, Tiefgarage, Büros von Bundesämtern, Restaurants, Kinos. Der Betonhof ist kein belebter, einladender Ort. Auffällig sind einzig Schaufenster mit bunten Stoffen. Golden Market. Vor den Schaufenstern stehen Kleiderständer mit Rabattschildern: 50 %! 70 %! Neben der Eingangstür blickt uns ein tierisches Auge fast schon bedrohlich an – offenbar ein spiritueller Schutz für das grosse Ladenlokal mit seinen dicht gefüllten Regalen. Im Ladeninneren stapeln sich die Stoffe bis unter die Decke. Die Preisspanne für ein Kleid reicht von 7 bis über 1000 Franken, in diesem Fall mit eingewobenen Fäden in Gold. Anzüge für Kleinkinder, üppige Tüllröcke für Hochzeitsgäste, aber auch schlichte Baumwolle in allen Farben, festliche Saris, Lehengas, Kurtas … Wir werden freundlich-zurückhaltend begrüsst und kommen ins Gespräch mit dem Inhaber des Ladens, der ihn seit zwei Jahren führt. Es sei ein unabhängiger Job, der Laden sei erfolgreich, erklärt er stolz. Etwa 10'000 Kleidungsstücke verkauft er hier im Jahr, vor allem an die tamilische Community, zu der er selber gehört. Aus der ganzen Schweiz und auch aus Deutschland reist seine Kundschaft an. Für ihn ist der Standort in der Hauptstadt und in Bahnhofsnähe ein Glücksfall. Einzig das Internet bereitet ihm Probleme: Verkäufe über Social Media seien eine harte Konkurrenz. Wir sprechen den Ladeninhaber auf einen kleinen Schrein mit einer Figur des Gottes Ganesha an: Dieser sei für das tägliche Gebet da oder für die Momente, in denen die Zeit fehle, um in den Tempel zu gehen. Eigentlich habe er ihn gekauft, um ihn im Laden zum Verkauf anzubieten. Aber niemand habe ihn kaufen wollen, und darum gehöre er jetzt hierhin. Not for sale.
Nach dem Gespräch setzen wir uns an der Effingerstrasse in ein nahes Café – Geschäftsleute trinken Cappuccino, Kinder freuen sich an der gut ausgestatteten Malecke, die Kaffeemaschine brummt. Über der Bar hängt ein Plakat: «Equality hurts no one». Wie steht es wohl um Gleichheit unter den Menschen an dieser Stadtberner Strasse?, fragen wir uns. Was ist sichtbar, was bleibt im Verborgenen? Welchen weiteren Personen werden wir an der Effingerstrasse begegnen, und wie erleben sie diesen Kilometer Bern? Was uns auch interessiert: Entdecken wir weitere religiöse Spuren an dieser auf den ersten Blick sehr säkularen Strasse, und wie sind diese in den Alltag dieses Stücks Stadt verwoben? Im Flaniermodus setzen wir die Erkundung fort.
In unmittelbarer Nähe des Cafés betreten wir die Advokatur 4a. Spontane Besuche sind an diesem zentralen Standort gar nicht so selten, erzählt uns Melanie Aebli, eine der Anwältinnen der Kanzlei. Menschen klingeln an der Tür und bitten um juristische Hilfe, die sie hier in der Regel auch bekommen. Der Anspruch, niederschwelligen Zugang zu Recht zu gewähren, verbindet die vier Mitglieder des Anwält*innenkollektivs. Dass sie gerade hier an der Effingerstrasse arbeiten, ist kein Zufall: An dieser Adresse war die erste Geschäftsstelle der Demokratischen Jurist*innen Schweiz DJS untergebracht. Die DJS wurde von linken Anwält*innen 1979 gegründet, als die Justiz fast vollständig bürgerlich dominiert war. Sie setzt sich für eine menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik, gegen Polizeigewalt und für die Stärkung der Grundrechte ein. Alle Anwält*innen der Advokatur 4a sind engagierte Mitglieder der DJS. Während unseres Gesprächs ist Melanie Aebli im Pikettdienst: Wird in diesem Moment eine Person verhaftet und braucht eine Pflichtverteidigung, wird die Anwältin von der Kantonspolizei oder der Staatsanwaltschaft aufgeboten, um schnellstmöglich an einer ersten Einvernahme teilzunehmen.
Melanie Aebli arbeitet häufig im Asyl- und Migrationsrecht. In der Anwendung dieses Rechts beobachtet die Anwältin in den letzten Jahren starke Verschiebungen: So setzt die Asylgesetzrevision von 2019 auf rasche Bearbeitung. Das sei grundsätzlich nicht negativ, bedeute aber auch, dass Fristen verstreichen, bevor gehandelt werden könne, oder keine Zeit bleibe, um Sachverhalte vollständig abzuklären. Das Mindset habe sich verschoben: «Es kommt wieder vermehrt vor, dass Personen, die einen negativen Asylentscheid erhalten haben und weggewiesen wurden, während eines laufenden Wiedererwägungsverfahrens oder während einer Ehevorbereitung in Ausschaffungshaft genommen oder ausgeschafft werden. Das ist nicht nur brutal und für die Betroffenen potenziell retraumatisierend, sondern auch unlogisch. Denn wird dem Gesuch stattgegeben, muss die teuer ausgeschaffte Person ja wieder zurückreisen.» Die Effingerstrasse, so wird uns schon am Anfang der Strasse deutlich, ist nicht nur eine Adresse für Menschen, die sich hier zugehörig fühlen können.
Eine der vulnerabelsten Bevölkerungsgruppen, mit denen die Anwält*innen zu tun haben, sind Menschen mit einer sogenannten vorläufigen Aufnahme. Was nach einem vorläufigen Schutz klingt, ist in der Regel eher ein jahrelanger Dauerzustand mit vielen rechtlichen Einschränkungen und grosser Perspektivlosigkeit. Und nun sollen diese Personen wegen einer vom Parlament angenommenen Motion der SVP auch noch zehn Jahre warten müssen, bis sie einen richtigen Aufenthaltsstatus, also eine Aufenthaltsbewilligung, beantragen dürfen. «Das ergibt überhaupt keinen Sinn, da es sich um zehntausende Personen handelt, die ihr Leben sowieso in der Schweiz verbringen werden, da sie nicht weggewiesen werden können oder dürfen.»
Melanie Aebli erzählt aber auch von juristischen Errungenschaften, die sie in ihrer Arbeit motivieren: Beispielsweise hat das Bundesgericht im November 2025 entschieden, dass die vom eritreischen Konsulat in der Schweiz von eritreischen Geflüchteten bisher verlangte Unterzeichnung einer Reueerklärung, um benötigte Ausweispapiere zu erhalten, rechtswidrig ist. In zahlreichen Prozessen und mit Stellungnahmen hatten Jurist*innen auf den Missstand aufmerksam gemacht, dass das schweizerische Staatssekretariat für Migration für verschiedene Rechtsvorgänge diese Form von Beschaffung von Ausweispapieren verlangt und damit auch in Kauf genommen hatte, dass Angehörige von Eritreer*innen in ihrem Heimatland gefährdet wurden. Für den Schutz von Geflüchteten arbeiten die Jurist*innen der Advokatur 4a mit zahlreichen Organisationen zusammen. In dieser Hinsicht sei der Standort Effingerstrasse ebenfalls ideal: Viele Fachstellen haben ihre Büros in der Nähe.
Eine davon ist die Kirchliche Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen (KKF). Sie ist weiter stadtauswärts im «Effingerhaus» untergebracht, einem eleganten Geschäftshaus aus den 1950er Jahren. In der Kaffeepause berichten die Mitarbeiter*innen von ihrer Arbeit. Die KKF ist in unterschiedlichen Feldern tätig, die auch unterschiedlich finanziert werden: Die Beratungs-, Bildungs- und Informationsarbeit für Menschen, die professionell oder privat mit Geflüchteten arbeiten, wird vorwiegend vom Kanton und zu einem Drittel von den Kirchen finanziert. Die «Rückkehrberatung» für Menschen, die die Schweiz nicht will (oder die trotz Aufenthaltsrecht nicht in der Schweiz bleiben wollen) und die die Schweiz selbstständig verlassen wollen, bezahlt der Bund. Für die Bildungsarbeit der KKF im schulischen oder kirchlichen Unterricht und erst recht für das Unterstützungsnetz für abgewiesene Asylsuchende gibt es keine staatlichen Gelder. Diese Tätigkeiten tragen die Kirchen.
An die grosse Glocke hängen die Landeskirchen diesen Einsatz für Geflüchtete nicht – bei der KKF handelt es sich immerhin um die personalintensivste religiös getragene Präsenz an der Effingerstrasse. (Vielleicht abgesehen von der ICF Church, deren Lokalitäten von der Effingerstrasse her über einen Innenhof zugänglich sind, vor allem für «Friday Nights, Youth-Treffen mit Worship, Games, Essen & Gemeinschaft».) In ihrer aktuellen Publikation, den AsylNews, schreibt die KKF, die Entwicklungen in Europa zeigten, dass die völkerrechtliche Verantwortung der Staaten zum Schutz der Geflüchteten immer mehr ausgehebelt werde: Geflüchtete seien tendenziell immer «weniger geschützt, weniger sicher». Hinter dieser nüchternen Feststellung stehen auch ganz viele weitere Lebensgeschichten von Menschen, die die Effingerstrasse entlangeilen, wenn sie den Asylsozialdienst der Stadt Bern an der Hausnummer 33 aufsuchen. Oder Menschen, welche an derselben Strasse unterirdisch in der Zivilschutzanlage unter dem Brunnmattschulhaus untergebracht werden. Der Bunker wird seit Jahren immer dann temporär als Asylunterkunft geöffnet, wenn die Behörden mit den Zahlen ankommender Geflüchteter überfordert sind.
An einem Sonntagvormittag biegt ein Tram in die Effingerstrasse ein, auf der Anzeige leuchtet «Extrafahrt». Im ersten Wagen steht ein Organist an einer kleinen Kirchenorgel und begleitet ein paar Dutzend Passagiere beim Singen eines Lieds: «Wind kannst du nicht sehen». Kaum sehen kann man von aussen auch diesen Gottesdienst, wie praktisch alle Spuren von Religiösem an dieser Strasse. Das Tram bewegt Insider*innen: Ihre beiden reformierten Stadtkirchgemeinden Frieden und Heiliggeist haben auf Anfang 2026 fusioniert und legen aufgrund schwindender Mitgliederzahlen ihre Ressourcen zusammen. Im Tram das neue gemeinsame Gebiet durchquerend feiern sie diese Fusion. «Alle entscheiden selbst, wie lange sie mitfahren, wo sie ein- und wo sie wieder aussteigen», sagt eine Pfarrperson. Ein Bild für landeskirchliche reformierte Identität im 21. Jahrhundert?
Der Segen Gottes, der im Tram thematisiert und weitergegeben wird, sei auch Zeichen von Widerstand gegen die Resignation. Eine Kollekte wird zusammengetragen für ein Projekt in Palästina. Aber der spirituelle Wind, von dem die Kirchgemeinde im Tram singt, wird für die Menschen draussen auf der Strasse nicht spürbar. Den Fahrplan dieses und anderer kirchlicher Angebote kennen im Quartier die wenigsten. Manche der Mitfahrenden tragen allerdings in ihrem Alltag im nahen Umfeld der Effingerstrasse dazu bei, dass die Kirche als gesellschaftlich relevante Institution sichtbar ist – in der Offenen Kirche am Bahnhofplatz, im Haus der Religionen, im Stadtkloster, im inklusiven soziokulturellen Projekt und Restaurant Dock8.
Wir sind zurück auf der Strasse. An einer Kette aufgereihte grosse Lampions in allen Farben spiegeln sich in den Schaufenstern und werden durch weitere im Innern leuchtende Lampions ergänzt. Sie machen auf das «Little Panda» aufmerksam. «Restaurant, Take Away, Asiatische Küche» steht am Fenster. Wir betreten über ein paar Stufen das kleine Lokal, in der Mittagszeit sind alle Plätze belegt. Hiep und Jennifer Nguyen, die beiden Schwestern, die das Restaurant 2017 ins Leben gerufen haben und seither gemeinsam führen, zeigen sich sofort bereit für ein Gespräch, wenn keine Gäste da sind. Wir kehren an einem Nachmittag zurück. Dann beginnen wir zu verstehen, wie zwei Lebensgeschichten genau in diesen Ort an der Effingerstrasse mündeten. Jeden Mittag werden hier dreissig Menschen mit Mittagsmenus verköstigt, am Abend gibt es vietnamesische Speisen à la carte. «60 Prozent chinesisch, 20 Prozent vietnamesisch, der Rest Mischmasch, Thai und anderes, nach unseren eigenen Rezepten beziehungsweise jenen meines Bruders, der schon länger ein Restaurant führt. Dort arbeiteten wir mit und kamen auf den Geschmack, selbst ein Lokal zu suchen.»
Dass hier chinesisch-vietnamesisch gekocht wird, hat mit dem Vietnamkrieg und seinen Folgen zu tun. Genauer mit der Flucht der Eltern von Hiep und Jennifer auf einem Fischerboot 1980. Vater und Mutter hätten sich in Vietnam während des Krieges nicht treffen können und anschliessend unter dem neuen Regime grosse Angst vor Repression gelitten. «Wenn unsere Eltern uns die Fluchtgeschichte erzählen, bekomme ich immer wieder Gänsehaut.» Sie hätten auf dem Meer nicht gewusst, ob sie überleben oder sterben würden. Lange seien sie verschollen gewesen, mit Babys und Kindern, fast ohne Nahrung. «Aber Schiffe aus einem chinesischen Hafen fanden uns und zogen uns glücklicherweise an Land.» Jennifer Nguyen spricht von «uns», dabei war sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht auf der Welt, ihre Schwester drei Jahre und ihr Bruder drei Monate alt. An der chinesischen Küste wurden sie, die sogenannten Boat People, in Flüchtlingslager gesteckt. 1982 kam die Familie nach Hongkong. «Ich bin dort in einem Flüchtlingslager, im Kai Tak Camp, geboren worden», fährt sie weiter, Geschichten sprudeln nur so aus ihr heraus. Hiep Nguyen wendet sich praktisch parallel dazu an uns: «Eine spannende Geschichte, nicht wahr?» Es charakterisiert die beiden Schwestern, dass sie mit- und ineinander sprechen, ihre Gedanken und Sätze komplementär fortsetzen. Hand in Hand arbeiten sie auch: Hiep ist im Little Panda für die Küche verantwortlich, für das Essen, Jennifer für den Service, für die Gäste.
«Wir haben im Camp die Schule gemacht», erzählt Jennifer Nguyen weiter. «Wir sahen um uns herum viel Gewalt, Waffen, Schlägereien, Tötungen. Auch weil unsere Eltern uns davor schützen wollten, kamen wir in die Schweiz.» Die Familie gehörte zu den letzten vietnamesischen Geflüchteten, die China verliessen. Wo dieses Switzerland genau lag, wussten sie nicht. Das Land nahm die Menschen aus dem kommunistischen Vietnam damals in Resettlement-Programmen als Kontingentsflüchtlinge auf, vor allem vulnerable Personen oder Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen. In der Schweiz wurden sie direkt anerkannt. «Ich kam mit zwölf, meine Schwester mit sieben in die Schweiz, kein einfaches Alter», fährt Hiep Nguyen fort. Ohne Deutsch zu sprechen, musste ich gleich in die sechste Klasse einsteigen. Zum Glück konnte ich ein wenig Englisch, das ich in Hongkong gelernt hatte. So konnte ich kommunizieren und in der Schule bald Gas geben.» In Biel, wo sie aufwuchsen, kamen zur Muttersprache Vietnamesisch und dem als Kind auf der Flucht erlernten südchinesischen Kantonesisch sofort Schweizer- und Hochdeutsch hinzu und umgehend auch Französisch.
Und jetzt im Restaurant kommt alles zusammen. «Schon unsere Mutter hat mir beigebracht zu kochen. Ich kenne die vietnamesischen Gewürze von klein auf», sagt die ältere Schwester. «Und unsere chinesische Kultur haben wir aus der Zeit in Hongkong.» Verbindungen von Lebenswelten werden sichtbar. Unter verschiedenen Buddhas auf der Restauranttheke hängt ein Weihnachtsstrumpf «Merry Christmas». «Ein Buddha hält ein Messer in der Hand und beschützt uns vor Geistern, vor bösen Dingen. Andere bringen göttliche Kraft, Gesundheit, Glück, Geschäftserfolg.»
Hiep und Jennifer Nguyen wenden sich ab und zu auch einem kleinen Altar zu, der, bestückt mit verschiedenen Figuren und Gefässen, neben dem Coca-Cola-Getränkekühlschrank in einer Ecke am Boden steht: «Nach dem chinesischen Kalender bringen wir zum Beispiel bei Vollmond in der Schale Opfer dar und zünden Räucherstäbchen an. Wir bitten die göttlichen Kräfte, im Himmel für uns ein gutes Wort einzulegen. Und wir ersuchen um Rat, wie wir noch erfolgreicher werden können. Das ist für uns heilig. Das machen wir, wenn wir alleine hier sind. Wenn die Gäste kommen, riechen die Räucherstäbchen nicht mehr.» Noch erfolgreicher zu sein, heisst für die Schwestern übrigens gerade nicht Wachstum. Die beiden Bielerinnen wollen sich an der Effingerstrasse weiterhin auf die eigenen Kräfte beschränken und im bewährten Tandem wirtschaften. Die ersten zwei Jahre an der Effingerstrasse, an diesem Teilstück jenseits der Grenze der Innenstadt, wie sie sagen, waren hart. Die Menschen hier hätten lange gebraucht, sich zu ihnen und ihrer Küche vorzuwagen. Aber heute seien sie stolz, immer noch hier zu sein und eine starke Stammkundschaft gewonnen zu haben.
«Atelier Mariam, haute couture», lesen wir an einem unscheinbaren, dunklen Schaufenster direkt gegenüber vom Restaurant Little Panda. Wir zögern: Ist dieser Laden wirklich offen? Laut Öffnungszeiten ist er es. Also klopfen wir. Nach einem kurzen Moment öffnet uns die Schneiderin die Tür: Ein ausdrucksstarkes Gesicht, grauschwarze Locken, geschminkte Lippen. Eine kleine Frau, voller Ausstrahlung. Etwas scheu betreten wir das übervolle Atelier: Stoffrollen in gedeckten Farben, verschiedene Kleidungsstücke präsentiert an Puppen, viel Tweed und Wolle, Jacketts und Kostüme. Mariam Schneeberger, wie die Schneiderin mit vollem Namen heisst, gibt bereitwillig Antwort auf unsere spontanen Fragen. Angesprochen auf die Effingerstrasse, an der Mariam Schneeberger nicht nur arbeitet, sondern auch wohnt, sagt sie direkt: «Hier ist das Ende der Welt.» Die Gebäude sind nicht modern, ein wirkliches Quartierszentrum gibt es nicht, die Läden hier sind alteingesessen. Auf Laufkundschaft konnte sie nie zählen, aber eine stabile Stammkundschaft hat die kundige Schneiderin zum Glück seit vierzig Jahren hier, am Ende der Welt, gefunden, erzählt sie uns.
Nach erstem Zögern sprudelt eine Lebensgeschichte, die sich zwischen dem Iran, Bremgarten bei Bern und der Effingerstrasse abspielte, aus dieser Frau, die sich schnell als grossartige Erzählerin entpuppt. Sie nimmt uns mit: Aufgewachsen im Iran, sei sie schon immer eine unabhängige Person gewesen, habe schon als Kind viel beobachtet, gelesen und nachgedacht. So wie das Leben der Frauen in der Verwandtschaft und in der Nachbarschaft konnte sie sich ihr eigenes nicht vorstellen, den Plan ihrer Eltern – frühe Heirat und Kinder, keine Berufsausbildung, kein Studium – habe sie nicht erfüllen wollen. Sie wollte Schneiderin werden: Dazu braucht es wenig Platz, wenig Gerätschaft. «Schneidern kann man überall», sagt sie, «auch von zu Hause aus.» Es ist ein flexibler, unabhängiger Beruf, von dem sie sich finanzielle Unabhängigkeit versprach. Und diese brauchte sie. Sie heiratete einen Schweizer, der beruflich im Iran war, zog mit ihm in die Schweiz, und sie bekamen zwei Kinder. Dann starb ihr Mann bei einem Verkehrsunfall. Mariam Schneeberger erzählt, wie sie plötzlich auf sich allein gestellt war, verantwortlich für sich und ihre zwei Kinder, zu denen bald noch zwei Pflegekinder dazukamen – in einem für sie damals noch immer fremden Land. In ihrer Heimat im Iran war inzwischen die Revolution ausgebrochen, ihr Hab und Gut enteignet. Selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre eine Rückkehr nicht möglich gewesen. Ihren Eltern, die sie zuerst in eine Rolle gedrängt und dann nicht unterstützt, sondern abgelehnt hätten, könne sie bis heute nicht verzeihen, sagt sie und weint. Wie ein roter Faden zieht sich ihre Überzeugung durch die eindrückliche Erzählung: Das Glück müsse man selbst in die Hand nehmen, sagt sie uns, «diesem Gott vertraue ich nicht». Schliesslich habe er ihr in all den Tiefpunkten nicht geholfen. Sie musste sich selbst helfen. Das fundierte Können als Schneiderin sicherte ihre Lebensgrundlage, ihre Existenz, auch in ihrer neuen Heimat, seit 25 Jahren an der Effingerstrasse. Wir spüren: Aus ihrem Metier schöpft Mariam Schneeberger eine beeindruckende Kraft und Autonomie. Die aktuelle Situation im Iran beobachtet sie mit grosser Sorge. Sie gilt ihrer Familie, aber weit darüber hinaus: «Die Ungerechtigkeit mit all diesen Kriegen auf der ganzen Welt beschäftigt mich sehr.»
Je länger wir an dieser Strasse unterwegs sind, desto mehr verstehen wir: Hier, auf diesem Kilometer Bern, ist die ganze Welt anzutreffen. Biografien sind geprägt von internationalen Erfahrungen, von verschiedenen Sprachen, von politischen Umwälzungen und Machtumbrüchen. Gerade in den Lebensgeschichten von Frauen, in die wir hier so bereitwillig eingeladen werden, spielt Arbeit eine zentrale Rolle: Ein eigenes Einkommen zu generieren, mit dem eigenen Können ein Projekt umzusetzen, ist ein wesentlicher Bestandteil dieser von Migration geformten Identitäten. Bereits wenige Meter weiter berichtet eine weitere Frau von ganz ähnlichen Erfahrungen.
Ein Seiteneingang führt uns in ein Haus, das in sich einen kleinen Kosmos darstellt. Wir steigen am Eingang zum Erdgeschoss, wo sich seit Jahren eine gut frequentierte Gaysauna befindet, vorbei die Treppe hoch. So gelangen wir in diesem alten Bürogebäude in ein Reich von Zwischennutzungen. Neben Beratungs-, Therapie- und Kunstangeboten jeglicher Couleur ist im Raum 303 zu unserer Überraschung ein Lebensmittelladen untergebracht: «Miscelánea Latina», «Dies und Das aus Lateinamerika». Zoraida Martinez steht zwischen den wenigen Gestellen und einem Kühlschrank, die gefüllt sind mit bunt abgepackten Nahrungsmitteln von Softdrinks bis Würstchen. Aufgewachsen in Kolumbien, lebt sie seit 25 Jahren in der Schweiz. Dass sie hier ihre Herkunft nicht aufgeben wollte, wird im Gespräch offensichtlich: «Es war immer mein Traum, einen kleinen lateinamerikanischen Laden zu führen für die Bedürfnisse der lateinamerikanischen Community hier. So kann ich über das Essen einen Teil unserer Kultur pflegen und weitergeben.» Erst vor zwei Monaten eröffnete sie das Lokal. «In der Weihnachtszeit haben wir sehr viel verkauft, gerade süsse Spezialitäten oder Liköre.» Auf die Frage nach ihrem Lieblingsprodukt sagt sie: «Als Kolumbianerin ist es zum Beispiel ‹la areparina›, das vorgekochte Maismehl, aus dem wir unsere Maisfladen, die ‹Arepas›, herstellen. Dazu kommen die ‹Natillas›, unsere Crèmedesserts. Die sind fundamental wichtig.»
Über die Escuela Latinoamericana de Berna, wo ihre Töchter Spanischunterricht besuchten und sie selbst aktiv war, ist Zoraida Martinez in der Community stark verwurzelt. «Ich kenne die meisten Menschen, die hierherkommen, es ist wie eine Kette von Menschen, die einander den Laden weiterempfehlen.» Die Lateinamerikaner*innen in Bern seien aber politisch gespalten. «Das ist nicht immer einfach. Ich beispielsweise bin froh, dass wir mit der gegenwärtigen Regierung in Kolumbien wieder einen viel engeren Bezug zum Land und auch zur Botschaft pflegen können. Auf den Konflikt in Venezuela schauen wir ebenfalls ganz unterschiedlich.» Auch die Religion spielt eine wichtige Rolle: «Ich bin Teil der Misión Católica de Lengua Española in Ostermundigen. Das ist eine tolle Gemeinschaft mit einem engagierten mexikanischen Priester. Die moralische Unterstützung der Kirche ist für uns wichtig.»
Obschon die Effingerstrasse an vielen Stellen wie eine willkürliche Ansammlung von Gewerbe, Gastronomie und Büroräumlichkeiten wirkt, wird in solchen Begegnungen deutlich: Viele Menschen kommen nicht einfach zum Arbeiten hierher und gehen abends wieder in ihre Wohnorte zurück. Vielmehr sind sie auch hier eingewoben in ein sozialräumliches Netz: Vereine, Kirche, Schulen, Beziehungen. Gleichzeitig fehlt der Strasse eine feste Quartierszugehörigkeit, ein lebendiges Zentrum. Dieses Netz bleibt unsichtbar und vulnerabel. Der Loryplatz, in den die Strasse mündet, lässt ahnen, was möglich wäre: Der Platz wurde entsiegelt, mit bunten Sitzgelegenheiten bestückt und ist gerade im Sommer ein Begegnungsort. Die Aufwertung von Quartieren weist allerdings in der Regel auf zu erwartende Entwicklungen hin: Leerkündigungen und Verdrängung von günstigem Wohn- und Arbeitsraum, Segregation statt Durchmischung von sozialen Milieus, kurz: Gentrifizierung. Wir fragen uns: Was bräuchte der Sozialraum Effingerstrasse? Was ist für die vulnerabelsten Menschen hier wichtig?
Erfahrung mit solchen Fragen haben die Mitarbeitenden von Sora, dem von der Burgergemeinde Bern getragenen flexiblen Begleitungsangebot für Familien und junge Erwachsene. Wir treffen den Sozialpädagogen Stephan Strauss. Auch Sora hat ihre Zentrale an der Effingerstrasse. Sora macht sich für das Fachkonzept eines sozialräumlichen Ansatzes in Bern stark, wie uns Stephan Strauss ausführt. Sozialräumliche Arbeit bedeute nicht einfach «Betreuung vor Ort» von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie ihren Familien, sondern baue auf die Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten und ein Anrecht hat auf Lösungen, die seinen Interessen und seinen Möglichkeiten angepasst sind. Dazu sei eine enge Zusammenarbeit von verschiedenen, auch professionellen, Akteur*innen nötig. Das Ziel: vorhandene Ressourcen zu stärken und tragfähige Netzwerke zu schaffen, indem die fachliche Unterstützung nur dort eingesetzt wird, wo sie tatsächlich notwendig ist, und zurückgenommen wird, wenn sie nicht mehr benötigt wird.
Stephan Strauss erklärt uns, dass sich Sora in einem Zuweisermarkt behaupten muss: Die Klient*innen würden Sora oft von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB oder dem Sozialdienst zugewiesen, soziale Leistungen würden ökonomisch gesteuert, präventive Arbeit werde wirtschaftlich nicht belohnt. Dabei seien nicht zwingend Kompetenz oder die zum Fall passende Expertise entscheidend. Sora gehe es immer darum, lokal vernetzt und fachlich versiert zu handeln und Unterstützung zurückhaltend einzusetzen. Aber klar ist in diesem System: Ein Jugendlicher von der Effingerstrasse wird für eine Beratung oder Begleitung nicht unbedingt Sora an der Effingerstrasse zugewiesen.
In einer Winternacht stehen wir auf dem mittleren Abschnitt der Effingerstrasse und sehen ein paar Personen in reflektierender Arbeitskleidung vor geöffneten Schachtdeckeln. Wir nähern uns einem der Arbeiter, der ein aus dem Untergrund kommendes Kabel aufrollt. Neugierig sprechen wir ihn auf Schweizerdeutsch an. Er unterbricht uns sofort mit der Rückfrage, ob wir Englisch sprächen. Sein Akzent lässt auf eine osteuropäische Herkunft schliessen. Sie würden im Moment jede Nacht hier arbeiten und jeweils frühmorgens nach getaner Arbeit zum Schlafen nach Zürich zurückkehren. Über die konkreten Arbeitsbedingungen sprechen wir nicht. Ihre Aufgabe, so erklärt er noch, sei es, alte Kupferkabel aus dem Boden zu holen, die neuen Leitungen – Glasfaserkabel und anderes – seien längst verlegt. Wir halten ihn nicht länger bei der Arbeit auf und gehen mit ein paar neuen Fragen weiter: Wie müssen wir uns an dieser Strasse das Verhältnis vorstellen von analog gelebtem Leben und Begegnungen einerseits zur digitalen Arbeit und Vernetzung, die sie ebenfalls ermöglicht und beherbergt, andererseits? Und wie viel vom Wesen einer Strasse bleibt unsichtbar – verborgen in ihrem Untergrund, eingehüllt in das Halbdunkel der Nacht?●
*1962, ist Co-Redaktionsleiter der Neuen Wege, Theologe und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Menschenrechtsinstitution SMRI.
*1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.