Der Krieg und die Schweiz

Matthias Hui, 26. März 2026
Neue Wege 2.26

«Machtpolitik ist zurück, und militärische Gewalt wird wieder im grossen Umfang eingesetzt.» So sagte es Elbridge Colby, der Chefstratege der Administration Trump, an der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026. So sagen es viele. Mich friert es.

Der Krieg boomt. 2024 steigerten die hundert grössten Rüstungskonzerne der Welt ihre Umsätze um 5,9 Prozent. Gemäss dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI ergibt das ein Total von 679 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Mehr als jemals zuvor in der Geschichte. Die Kurve zeigt steil nach oben.

Die Schweiz führt keine Kriege. Und trotzdem ist sie verstrickt in die immer zahlreicher geführten und drohenden Kriege. Sie ist beteiligt an der globalen Aufrüstungsmaschinerie. Wenn die Schweiz US-amerikanische F-35-Kampfflugzeuge beschafft, kauft sie diese von einer immer autoritärer und totalitärer funktionierenden Supermacht, die erneut in der halben Welt Kriege führt. Wegen der priorisierten Militärausgaben streicht das Parlament  weil die rechte politische Mehrheit diese Notwendigkeit behauptet  Sozialleistungen und Entwicklungszusammenarbeit zusammen, Investitionen in ein sicheres Leben. Mit dem F-35 kauft die Schweiz einen Jet, dessen Einsatz soeben in einem genozidalen Vernichtungskrieg perfektioniert worden ist. Dem Krieg in Gaza, in dem sich die Schweizer Regierung in den Augen vieler zur Komplizin gemacht hat, weil sie ihn mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nicht genügend bekämpft hat.

Aber auch dass der russische Krieg zur Zerstörung der Ukraine weitergehen kann, hat mit schweizerischem Dulden, Wegschauen, Mitverdienen zu tun: So verkauft die Zuger Firma Novatek russisches Flüssiggas und spült über die Jahre Milliarden in Putins Kriegskasse. Für den Export von «Dual-use-Gütern» werden hierzulande gerne Augen zugedrückt und Kassen geöffnet: Russische Raketen werden auch mit schweizerischen Spezialmaschinen und Komponenten, israelische Drohnen werden auch mit schweizerischen Bestandteilen gebaut. Und die Ausfuhr konventioneller Rüstungsgüter soll mit einer Gesetzesänderung massiv erleichtert werden. Alles im Namen unserer Sicherheit, die angeblich eine eigene florierende Rüstungsindustrie bedingt. An den Kriegen des 21. Jahrhunderts ist die Schweiz aber natürlich auch durch das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinem unersättlichen Rohstoffkonsum und grenzenlosen Rohstoffhandel nicht unwesentlich beteiligt.

Ich stelle mir eine Schweiz vor, die den Elbridge Colbys dieser Welt, all den US-amerikanischen, russischen, chinesischen, israelischen, saudischen oder britischen Militärstrategen, mit einem hörbaren Nein zum Krieg entgegentritt. Nein zum willfährigen Akzeptieren von Machtpolitik. Nein zur Rückkehr der militärischen Gewalt auf allen Bühnen  vom Weltall bis zur eigenen Seele. Nein zu Krieg, Genozid und Vertreibung als Schicksal. Ich möchte eine Schweiz, die ausschert aus der wieder salonfähig gewordenen Politik postkolonialer Herrschaftszonen. Aus einer Politik, die immer noch mehr Menschen in Kriege und Flucht treibt und jungen Menschen die Hoffnung auf eine gute Welt für alle raubt.

Jetzt ist eine Schweiz gefragt, die Unsicherheiten und Risiken aushält. Die aufzeigt, dass konsequente Friedenspolitik allerdings mit viel weniger Risiken verbunden ist als das Weiterlaufenlassen des gegenwärtigen Irrsinns: des nationalstaatlichen Aufrüstungswettbewerbs, der Klimakatastrophe, des Wirtschaftssystems mit global sich vertiefenden Ungleichheiten, der rassistischen und geschlechtsspezifischen Gewalt und der um sich greifenden globalen Carekrise.

Jetzt ist eine Schweiz gefragt, die aus ihrem Versagen im Zweiten Weltkrieg gelernt hat und sich nicht mehr als profitabler Insel- und Igelstaat versteht, sondern als solidarischer Teil Europas. Eine Schweiz, die sich für einen demokratischen, offenen Kontinent jenseits von Nationalstaaten und Kolonialstrukturen einsetzt. Einen Kontinent, der sich kollektiv Angriffen von innen und von aussen auf die Demokratie und auf die Menschenwürde widersetzt wenn eine imperiale Macht in einem Angriffskrieg ein Land überfällt, allenfalls auch vorübergehend militärisch.

Ich stelle mir eine Schweiz vor, die die Herausforderungen, vor denen sie steht, von der Welt her denkt. Eine Schweiz, die alle ihre Ressourcen statt in Aufrüstung, Abschottung und globale Geschäfte in Gegenbewegungen zur Kriegstreiberei steckt. So kann sie eine wichtige Rolle spielen, indem sie das humanitäre Völkerrecht zugunsten der Opfer in allen Kriegen in jeder Minute auf allen Foren verlässlich verteidigt. Indem sie bei der Abrüstung und besonders bei der weltweiten Ächtung und Abschaffung von Atomwaffen vorangeht. Indem sie ihre Milliarden statt in F-35 beherzt in die UNO, in den Europarat, in die OSZE und weitere zwischenstaatliche und zivilgesellschaftliche Organisationen investiert, die für Kooperation, Gewaltverzicht, Verhandlungen, Kampf gegen Straflosigkeit, gerechtere Lebensverhältnisse und Versöhnung kämpfen. Eine auf diese Weise solidarische Schweiz bekommt mehr Sicherheit zurück als eine, die in gleicher Weise an der Rüstungsspirale dreht wie viele Nationalstaaten in ihrer Umgebung. Ich wünsche mir eine Politik, die jetzigen Kriegsopfern in Palästina oder im Sudan, Völkerrechtsverletzungen in Venezuela oder in Taiwan, Repression in Eritrea oder im Iran nicht a priori gleichgültiger gegenübersteht als zukünftigen Entwicklungen, die uns selbst drohen könnten und als Argumente zur Aufrüstung dienen.

Alle sind gefragt. Aber jetzt neue Politiken für einen gerechten Frieden zu entwerfen, ist in meinen Augen speziell für christliche, kirchliche, religiöse Menschen und Gruppen eine existenzielle Aufgabe. Sie schöpfen aus einem Fundus an radikal lebensfreundlichen Glaubenstraditionen und aus einem Selbstverständnis als Weltgemeinschaft jenseits der Nationalstaaten. Sie wissen sich  wie sie, wie wir es ausdrücken: vor Gott  als Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Würde und gleichen Rechten jenseits ausbeuterischer Wirtschaftsstrukturen und faschistisch-autoritärer Hierarchien anerkannt. Entwürfe und Visionen für einen politischen Pazifismus, für einen verantwortungsvollen Antimilitarismus wären zum Beispiel jetzt für die Schweiz wichtig, wo diesbezüglich weitherum Funkstille zu herrschen scheint.

Ich freue mich auf den Moment, wenn der Funkspruch an Kriegsstratege Colby abgesetzt werden kann: «Hoffnung ist zurück, und zivile Gegenmacht wird wieder im grossen Umfang eingesetzt.»

  • Matthias Hui,

    *1962, ist Co-Redaktionsleiter der Neuen Wege, Theologe und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Menschenrechtsinstitution SMRI.