Ein globales System von Ausbeutung und Ungleichheit entzieht Millionen Menschen das Recht auf Gesundheit. Doch die Verhältnisse, die krank machen, sind veränderbar – durch Widerstand, Solidarität und politisches Handeln.
1986 war ich als Ärztin in Nicaragua in internationalistischen Gesundheitsbrigaden tätig – inmitten der sandinistischen Revolution und des Contra-Krieges. Mein Einsatzort war ein kleiner, abgelegener Gesundheitsposten in den Bergen. Die Mittel waren minimal: ein Stethoskop, meine Hände, Augen und Ohren sowie meine wachsende Erfahrung und Intuition. Die Gesundheitsreform der Sandinist*innen beruhte auf zentralen Prinzipien: Die Versorgung sollte dezentral, kostenlos und nahe bei den Menschen organisiert sein. Mit Gesundheitsposten wie unserem wurde sie zu den Menschen gebracht – nicht umgekehrt. Täglich behandelten wir bis zu sechzig Personen. Nationale Gesundheitsprogramme, etwa zur Tuberkulose, zur Behandlung von Durchfallerkrankungen oder zur Schwangerschaftsbetreuung, orientierten sich am kubanischen Modell. Sie waren bewusst einfach gehalten, sodass auch Gesundheitspromotor*innen sie umsetzen konnten, da ausgebildetes Fachpersonal und finanzielle Ressourcen in ländlichen Gebieten oft fehlten.
Bis heute orientiere ich mich an diesen Grundprinzipien und sie prägen unsere Arbeit bei medico international schweiz. Für uns ist klar: Das Engagement für Gesundheitsversorgung für alle ist vom Kampf für soziale Gerechtigkeit nicht zu trennen. Denn Gesundheit ist eng mit den Lebensbedingungen der Menschen verflochten. Schlechte körperliche und psychische Verfassung ist oft Ausdruck kapitalistischer und patriarchaler Strukturen; von Armut, prekären Arbeitsbedingungen, Diskriminierung, Gewalt, und unzureichender Bildung. Deshalb müssen Gesundheitsprojekte immer auch soziale, politische und geschlechtsspezifische Dimensionen berücksichtigen. Sie müssen lokal verankert sein, um Gesundheit nachhaltig zu verbessern.
In Mumbai wie in unzähligen anderen Grossstädten des Globalen Südens1 überleben Menschen, indem sie auf immensen Deponien mit blossen Händen Abfall sortieren. Toxischer Rauch vergiftet Luft, Boden und Körper; Krankheiten sind allgegenwärtig, die Lebenserwartung ist erschreckend gering. Das wenige und hart verdiente Geld fliesst in medizinische Behandlungen. Solche Orte sind Ausdruck eines neokolonialen Wirtschaftssystems, das Umweltzerstörung und Gesundheitsrisiken systematisch in Länder des Globalen Südens auslagert. So auch bei der Rohstoffförderung durch Glencore in Cerro de Pasco (Peru), wo Schwermetallvergiftungen weit verbreitet sind. Oder auf Bananenplantagen von Chiquita in Guatemala, wo Pestizide aus Flugzeugen versprüht werden und Arbeiter*innen ungeschützt treffen, mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.2
Gleichzeitig verschärft die gezielte Abwerbung von Fachkräften aus Ländern des Globalen Südens die Ungleichheit weiter. Wenn Pflegepersonal etwa aus den Philippinen in wohlhabendere Länder migriert, fehlt es vor Ort. Die Anwerbung von Pflegepersonal aus dem Ausland ist eine Form des «Brain Drain»: Sie schöpft Bildungsressourcen ab. Gleichzeitig zwingt sie viele Care-Migrant*innen bei uns in prekäre, rechtlich unsichere und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse. Das neokoloniale System entzieht Menschen im Globalen Süden das Recht auf Gesundheit also gleich doppelt: Es macht sie krank und verwehrt ihnen zugleich Schutz und Versorgung.
Der Zugang zur Gesundheitsversorgung und der Schutz der Zivilbevölkerung sind im Völkerrecht klar verankert. Dennoch werden sie in heutigen Kriegen systematisch verletzt. Angriffe auf Krankenhäuser, Ambulanzen und medizinisches Personal sind keine Einzelfälle mehr, sondern Teil militärischer Strategien. Laut der Safeguarding Health in Conflict Coalition (SHCC) wurden 2024 weltweit 3623 Angriffe auf das Gesundheitswesen dokumentiert – seit 2022 ein Anstieg von 62 Prozent.3 Ob in Syrien, Gaza, Rojava, der Ukraine, im Libanon oder im Sudan: Gesundheitseinrichtungen werden bombardiert, medizinisches Personal angegriffen, Patient*innen sterben, weil Hilfe nicht mehr erreichbar ist. Diese Praxis raubt Menschen nicht nur Versorgung, sondern auch die letzte Hoffnung auf Schutz und Überleben. Sanitäter*innen in Gaza oder auch in Afrin/Rojava mussten ohnmächtig zusehen, wie verletzte Kinder und Erwachsene ein paar Meter entfernt langsam starben, weil ihr Versuch, Leben zu retten, von Scharfschützen verhindert wurde. Diese Szenen verfolgen die Retter*innen bis in ihre nächtlichen Träume und sind hochgradig traumatisierend.
Dem können wir etwas entgegensetzen: Gesundheit entsteht nicht nur durch medizinische Versorgung, sondern auch durch politische Bedingungen – und durch Widerstand gegen jene Verhältnisse, die krank machen. Unser Engagement hier und der Kampf von Menschen im Globalen Süden gegen Ausbeutung, Gewalt und Umweltzerstörung sind Teil derselben Bewegung. Wir müssen keine Mediziner*innen sein, um zur Gesundheit anderer beizutragen. Solidarisches Handeln, politischer Druck und das Einfordern von Gerechtigkeit können konkrete Verbesserungen bewirken.●