Wider die falschen Götter

Kurt Seifert, 7. Oktober 2026
Neue Wege 5.26

Rudolf Augstein, dem vor bald einem Vierteljahrhundert verstorbenen Gründer des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel, wird die Aussage zugeschrieben: Das Einzige, was die Linke heute noch gemeinsam habe, sei ihre Kritik der Religion. Er war einer jener inzwischen eher selten gewordenen linken Intellektuellen, die sich intensiv mit der Fragwürdigkeit religiöser Dogmen und kirchlicher Machtstrukturen auseinandersetzten.

Die linken Neuen Wege scheinen dem Diktum Augsteins zu widersprechen, denn sie tragen drei Begriffe im Untertitel: Religion – Sozialismus – Kritik. Da diese in einem Kreis angeordnet sind, wird auf den ersten Blick nicht ganz klar, ob die Religion den Sozialismus kritisiert oder der Sozialismus die Religion. Regelmässige Leser*innen des Blattes wissen, dass die religiöse wie die sozialistische Kraft der Kritik an den herrschenden Verhältnissen gemeint ist, um die es hier gehen soll – einschliesslich der Kritik an einer die bestehende Herrschaft legitimierenden Religion.

Religionskritik wird also in einem doppelten Sinne verstanden: sowohl als Kritik an ­Religion als auch Kritik durch Religion. In beiderlei Hinsicht bieten die Neuen Wege reichlich Material – vor allem dann, wenn ihre Geschichte genauer unter die Lupe genommen wird. Ein zentraler Text des reformierten Theologen Leonhard Ragaz aus dem Jahr 1917 kann uns weiterhelfen. Er trägt den Titel Nicht Religion, sondern Reich Gottes und stellt die steile These auf, dass Jesus von Nazareth keine neue Religion gewollt habe, «sondern überhaupt keine Religion». Ragaz erklärt:

«Ja, die Religion ist die furchtbarste Macht der Geschichte. Freilich auch die grossartigste, herrlichste, segensreichste, aber auch die furchtbarste. Beides hängt eben zusammen. Die Religion ist ein Gebilde der Psyche, und so ist in ihr Himmel und Hölle.» (Neue Wege 6.1917)1

Damals, mitten im Ersten Weltkrieg, musste Ragaz feststellen, dass die Kirchen und ihre Theologen «die schlimmsten militaristischen und nationalistischen Treiber» geworden waren. Sie hatten behauptet, Gott stehe an ihrer Seite – und so wurde aus diesem Gott ein völkischer Götze.

Ragaz kam zum ernüchternden Ergebnis, die Religion sei «die stärkste Macht der Reaktion». Das Reich Gottes aber sei «die stärkste Triebkraft und die innerste Lebensunruhe der Geschichte», denn bei diesem Reich gehe es um «eine Welt der Gerechtigkeit und Güte». Vermeintliche Realist*innen halten das für einen schönen, aber vergeblichen Traum – doch es ist nicht gewiss, dass sie das letzte Wort behalten werden.

Kritik an der Religion kann – wie das Beispiel von Leonhard Ragaz verdeutlicht – mitten aus einer geistlichen Tradition heraus entstehen und ist somit keine Besonderheit nichtreligiöser Denker*innen. Der Glaube an ein höchstes Wesen erlaubt sogar eine andere Sicht auf die Herren – gelegentlich auch Herrinnen – dieser Welt, die deren Anspruch auf Verehrung und Gehorsam relativiert. Diese Linie der Herrschaftskritik zieht sich von den Prophet*innen der Hebräischen Bibel über die jesuanische Botschaft und die Ketzer*innen des Mittelalters bis zu den Dissident*innen unserer Tage.

Ist von dieser kritischen Funktion des Religiösen heute etwas wahrzunehmen? Wir können doch schon froh sein, wenn ein Papst es wagt, dem mächtigsten Mann der Welt zu widersprechen. Voten von Leo XIV. werden weit über kirchliche Kreise hinaus wahrgenommen. Die NZZ am Sonntag schrieb am 14. Juni 2026 sogar vom «Comeback einer moralischen Supermacht». Angesichts der «Wertekrise des Westens» biete dieser Papst «Orientierung und Halt». Das mag schon sein, doch die Kritik dieser «westlichen Werte» wird noch einiges tiefer gehen müssen, um zu einer Umkehr zu bewegen. Lassen wir uns überraschen!

Religionskritik bedeutet heute, die Auseinandersetzung mit den falschen Göttern des Kapitals oder, wie es in der Bibel so schön heisst, des «Mammons», der Rüstung und der Dehumanisierung des Menschen zu führen. Die religiöse Kritik wendet sich insbesondere gegen jenen modernen Nihilismus, der den Glauben daran töten will, dass sich Menschen ändern können. In einem 1969 geführten Gespräch mit dem damaligen Spiegel-Chefredaktor Günter Gaus hatte die Theologin Dorothee Sölle formuliert, wer meine, dass der Mensch unveränderlich sei, der glaube wirklich nicht an Gott: «Das biblische Wort für das, was wir heute Veränderung nennen, heisst ja Erlösung. Und eigentlich haben Sie mich eben gefragt: Glauben Sie, dass der Mensch erlöst werden kann? Und wie sollte ich dazu ‹Nein› sagen können?»2 ●

  1. Zitate aus: Leonhard Ragaz: Nicht Religion, sondern Reich Gottes. In: Neue Wege 6.1917.

  2. Das Gespräch ist auf Youtube zugänglich.

  • Kurt Seifert,

    *1949, ist Publizist und Mitglied der Redaktion der Neuen Wege.