Damals, mitten im Ersten Weltkrieg, musste Ragaz feststellen, dass die Kirchen und ihre Theologen «die schlimmsten militaristischen und nationalistischen Treiber» geworden waren. Sie hatten behauptet, Gott stehe an ihrer Seite – und so wurde aus diesem Gott ein völkischer Götze.
Ragaz kam zum ernüchternden Ergebnis, die Religion sei «die stärkste Macht der Reaktion». Das Reich Gottes aber sei «die stärkste Triebkraft und die innerste Lebensunruhe der Geschichte», denn bei diesem Reich gehe es um «eine Welt der Gerechtigkeit und Güte». Vermeintliche Realist*innen halten das für einen schönen, aber vergeblichen Traum – doch es ist nicht gewiss, dass sie das letzte Wort behalten werden.
Kritik an der Religion kann – wie das Beispiel von Leonhard Ragaz verdeutlicht – mitten aus einer geistlichen Tradition heraus entstehen und ist somit keine Besonderheit nichtreligiöser Denker*innen. Der Glaube an ein höchstes Wesen erlaubt sogar eine andere Sicht auf die Herren – gelegentlich auch Herrinnen – dieser Welt, die deren Anspruch auf Verehrung und Gehorsam relativiert. Diese Linie der Herrschaftskritik zieht sich von den Prophet*innen der Hebräischen Bibel über die jesuanische Botschaft und die Ketzer*innen des Mittelalters bis zu den Dissident*innen unserer Tage.
Ist von dieser kritischen Funktion des Religiösen heute etwas wahrzunehmen? Wir können doch schon froh sein, wenn ein Papst es wagt, dem mächtigsten Mann der Welt zu widersprechen. Voten von Leo XIV. werden weit über kirchliche Kreise hinaus wahrgenommen. Die NZZ am Sonntag schrieb am 14. Juni 2026 sogar vom «Comeback einer moralischen Supermacht». Angesichts der «Wertekrise des Westens» biete dieser Papst «Orientierung und Halt». Das mag schon sein, doch die Kritik dieser «westlichen Werte» wird noch einiges tiefer gehen müssen, um zu einer Umkehr zu bewegen. Lassen wir uns überraschen!
Religionskritik bedeutet heute, die Auseinandersetzung mit den falschen Göttern des Kapitals oder, wie es in der Bibel so schön heisst, des «Mammons», der Rüstung und der Dehumanisierung des Menschen zu führen. Die religiöse Kritik wendet sich insbesondere gegen jenen modernen Nihilismus, der den Glauben daran töten will, dass sich Menschen ändern können. In einem 1969 geführten Gespräch mit dem damaligen Spiegel-Chefredaktor Günter Gaus hatte die Theologin Dorothee Sölle formuliert, wer meine, dass der Mensch unveränderlich sei, der glaube wirklich nicht an Gott: «Das biblische Wort für das, was wir heute Veränderung nennen, heisst ja Erlösung. Und eigentlich haben Sie mich eben gefragt: Glauben Sie, dass der Mensch erlöst werden kann? Und wie sollte ich dazu ‹Nein› sagen können?»2 ●