Diese Worte sind fast hundert Jahre alt und könnten heute geschrieben sein. Sie halten uns einen Spiegel vor: Die Schweiz mit ihren Menschen ist nicht besser als andere Länder. Was sie auszeichnet, ist das Versprechen ihres Bodens, das Versprechen von Freiheit und Schutz. Aber was bleibt von diesem Versprechen übrig, wenn man tatsächlich ankommt?
Kein Mensch flieht freiwillig. Das ist die erste und wichtigste Wahrheit, die jede Person verstehen muss, die über Flucht spricht. Niemand verlässt seine Heimat, seine Verwandten, seine Geliebten aus Lust. Wer sein Zuhause aufgibt, gibt einen Teil von sich selbst auf. Die Flucht ist kein Abenteuer, wie gewisse Politiker*innen der SVP immer wieder behaupten. Sie ist ein Überlebenskampf. Man setzt sein Leben aufs Spiel – auf dem Mittelmeer, in Lkws, in den Händen von Schleppern. Der Moment der Flucht ist der Moment, in dem die Hoffnung den Schmerz überwiegt. Aber es ist eine Hoffnung, die alles kostet.
Die Machtlosigkeit gegenüber Sozialbehörden und Migrationsämtern ist allgegenwärtig. Letztere können das Leben einfacher machen oder schwieriger. Ob eine geflüchtete Person eine Ausbildung machen darf oder ein Studium beginnen kann, entscheidet sich nicht an ihrem Können, sondern an ihrem Dürfen.
Geflüchtete Menschen müssen sich früh mit den Modalverben auseinandersetzen. Mit können, müssen, sollen, mögen, möchten, dürfen. Es ist fast so, als würde das Leben in diesen Wörtern zusammengefasst. Für Geflüchtete werden vor allem zwei davon verwendet: müssen und nicht dürfen. Ich muss diesen Kurs besuchen. Ich muss zweimal pro Tag unterschreiben. Ich darf nicht arbeiten. Niemand fragt: «Was möchtest du?» «Was magst du?» Die Frage nach dem Wollen wird uns verweigert. Dabei ist es doch genau das, was uns menschlich macht: zu wollen, zu mögen, zu möchten.
Es ist nicht lange her, da wurde über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» abgestimmt. Dass die Schweiz nicht grösser werden sollte – das war meiner Meinung nach im Kern nicht die Botschaft. Sondern: Geflüchtete und Kriegsvertriebene sind hierzulande nicht willkommen, wir wurden als Bedrohung dargestellt, als «Überfremdung», als Problem. Kaum war diese Initiative vom Tisch, geht es schon weiter. Die SVP macht Politik mit uns. Sie missbraucht uns für ihre Zwecke. Ja, missbraucht. Wir werden für hausgemachte Probleme zuständig gemacht, zur Bewirtschaftung von Ängsten, als Sündenböcke für alles, was in der Gesellschaft nicht rundläuft. Dabei machen Menschen mit Fluchtgeschichte einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung aus. Aber das spielt keine Rolle. Es geht nicht um Fakten. Es geht um Macht. Es geht darum, eine Partei auf Kosten von uns zu stärken.
Hannah Arendt hat vor fast hundert Jahren gesagt, dass geflüchtete Menschen systematisch entrechtet werden. Für viele blieb das ein abstrakter Begriff. Ein Gedanke aus der Theorie. Aber mit der Umsetzung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) 2026 wird dieser Begriff plötzlich ganz konkret. Ganz real. Die sogenannte «Fiktion der Nichteinreise» wird durchgesetzt – ein juristischer Kunstgriff, bei dem Menschen, die eigentlich an der Grenze oder kurz danach abgewiesen werden, rechtlich so behandelt werden, als wären sie nie im Land gewesen. Sie haben keine Rechte, keine Ansprüche, keinen Status. Sie sind, in den Worten des Rechts, einfach nicht existent. Die Entrechtung ist nicht mehr abstrakt. Sie ist eine Praxis. Sie wird umgesetzt. Hier, in Europa, heute.
Trotz allem gibt es eine grosse Solidarität in dieser Gesellschaft. Menschen, die ihre knappe Zeit opfern, um sich im Flüchtlingsbereich zu engagieren. Freiwillige, die Deutschkurse geben, Begleitungen bei Behörden organisieren. Menschen, deren Zeit und Ressourcen den Unterschied machen – von rechtlicher Beratung bis zur täglichen Versorgung. Menschen, die einfach da sind. Die nicht fragen: «Woher kommst du?», sondern: «Was brauchst du?»
Und auch wir als Geflüchtete geben nicht auf. Trotz aller Hürden, trotz der «Müssen» und der «Nicht-Dürfen». Wir besuchen einen Deutschkurs nach dem anderen, nicht weil wir müssen, sondern weil wir es wollen. Wir bringen uns in politische und gesellschaftliche Diskussionen ein, was manche Akteur*innen irritiert, weil sie erwarten, dass wir gefälligst dankbar sein und uns nicht einmischen sollten. Doch wir haben im Verlauf der Jahre zahlreiche Aktionen und Vereine gegründet, um die Lebenssituation für andere Geflüchtete zu verbessern. Wir waren zum Beispiel federführend beim No-Frontex-Referendum in der Schweiz. Wir sind da. Verabschiedet eure Gesetze und verschärft eure Grenzkontrollen, aber Menschen, die fliehen müssen, werden fliehen, weil sie keine andere Wahl haben.
Was bleibt: Ein neuer Weg ist der eigentliche «freie Boden»: nicht ein Ort, der uns zwingend aufnimmt, sondern ein Ort, an dem wir mitgestalten können. Ein Ort, an dem die Frage nicht lautet «Woher kommst du?», sondern «Schön, bist du hier!».●