Die Realität mitdefinieren
Franziska Schutzbach, 8. September 2026
Neue Wege 5.26
«Wir Frauen müssen lernen, die Dinge beim Namen zu nennen, nicht mit jener herzig dümmlichen Art, die uns Frauen in politischen und besonders in militärischen Belangen zugestanden wird, nein: Wir müssen eine neue Sprache finden. Wir lassen sie uns nicht geben, die Mitsprache, wir nehmen sie uns, und wir werden zu sprechen lernen, um so die Realität mitzudefinieren, zu benennen, ihr eine Stimme zu geben, sie neu zu bestimmen.» (Neue Wege 4.1980)1
Monika Stocker ruft in diesen Zeilen die Frauen dazu auf, eine neue, eine eigene Sprache zu finden. Sie verbindet das Sprechen mit einem Akt des Politischen und der Emanzipation. Eine eigene Sprache zu finden bedeutet, ein Subjekt zu werden, die Realität mitzugestalten, ja neu zu definieren.
Sprache beschreibt Wirklichkeit nicht nur, sie gestaltet sie mit. Wer spricht, beansprucht auch, mitzuentscheiden, was als wirklich und wichtig gilt und welche Zukunft denkbar ist.
In der gegenwärtigen Zeit hat die «Mitbestimmung der Realität» wieder eine hohe Brisanz, denn das Reale kommt uns zunehmend abhanden. Reaktionäre Politik zielt darauf, uns das Gefühl einer geteilten gemeinsamen Wirklichkeit zu entziehen. Es ist eine Politik der Konfusion, der diskursiven Überrumpelung. Sätze, die Unfassbares behaupten – etwa Donald Trumps «They are eating the pets» – versetzen uns in eine Art Zustand der Sprachlosigkeit, die unsere Fähigkeit zermürbt, überhaupt noch einen stringenten Gedanken, ein Argument, eine Realitätsdeutung vorzunehmen. Wir werden ständig zur nächsten widersinnigen Behauptung von rechts getrieben, zur nächsten ungeheuerlichen 10-Millionen-Initiative.
Unser Realitätsbezug und unsere Urteilsfähigkeit geraten zunehmend ins Wanken. Der Glaube daran, sich mit anderen Menschen auf einen minimalen Konsens über die Wirklichkeit, über eine geteilte Zukunft einigen zu können, droht uns abhandenzukommen. Auch die Sprache der Emanzipation wurde von rechten Kräften angeeignet und bis ins Unkenntliche verkehrt. Rechte Wahlpropaganda wirbt heute selbstverständlich mit Begriffen wie «Freiheit» oder «Meinungsfreiheit». Sie verpacken Destruktivität in ein Versprechen von Befreiung und Widerstand.
Rechte Politik löst den Bezug zur Realität auf. Ihre Macht und ihre Verlockung entfaltet sie mittels einer Sprache der Phantasmen. Diese entwerfen das Bild einer schweren und unmittelbaren Bedrohung durch Migrant*innen, Feminist*innen, trans Menschen, den Islam, die woke Demokratie. Die Bedrohungsphantasmen bewirken bei vielen Menschen, dass als Modus des Fühlens und Handelns nur noch der «Drang nach Härte» (Eva von Redecker) als Möglichkeit erscheint – ein Drang, der letztlich auf Auslöschung und Zerstörung hinausläuft.
Faschismus ist «Entlebendigung», wie Eva von Redecker ausführt. Er löscht eine gemeinsame Zukunft aus, denn er kennt nur das Ende: das Ende pluraler Gesellschaften, das Ende demokratischer Aushandlung, das Ende einer gemeinsam geteilten Welt. Faschismus ist eine Absage an die Möglichkeit gemeinsamer Weltgestaltung und damit eine Absage an das Lebendige selbst.
Was lässt sich dem entgegensetzen?
Wenn der Faschismus Realität zerstört, dann besteht Antifaschismus darin, die Realität nicht aufzugeben, sondern auf ihr zu bestehen, und vor allem darauf zu bestehen, sie im Sinne von Monika Stocker «mitzudefinieren». Gestalten ist das Gegenteil von Liquidieren, es wendet sich gegen das Ende. Wer gestaltet, hält daran fest, dass das Bestehende verändert werden kann und eine gemeinsame Zukunft möglich ist.
Das «Gemeinsame» ist dabei entscheidend. Faschismus ist eine Politik der Spaltung, der Gewalt und mithin eine Politik der Zerstörung von Beziehungen. Er ersetzt gemeinsames Gestalten durch autoritäres Durchgreifen. Antifaschistische Praxis muss deshalb nicht nur Widerstand leisten, sondern auch versuchen, wieder Formen gemeinsamen Handelns hervorzubringen.
Gegenwärtige rechte Politik zerstört Institutionen, demokratische Verfahren, sie greift Beziehungen systematisch an und schürt Misstrauen, Feindschaft und Hass. Der Raum, in dem Wirklichkeit überhaupt gemeinsam hervorgebracht und ausgehandelt werden kann, zerfällt. Antifaschismus kann sich deshalb nicht darin erschöpfen, das Zerstörerische zurückzuweisen. Er muss auch soziale und politische Formen und Räume stärken und bauen, in denen Menschen wieder lernen, gemeinsam zu handeln, Konflikte fair und rücksichtsvoll auszutragen und Zukunft zu entwerfen.
Aber wie entstehen antifaschistische Formen der Weltgestaltung? Ich schlage vor, an dieser Stelle auf die Modelle des «regenerativen Aktivismus» zurückzugreifen, die das gemeinsame Handeln auch als Aufbau von Care-Realitäten verstehen.
Regenerieren kommt vom lateinischen regenerare und bedeutet «neu hervorbringen». Sich auf einen regenerativen Aktivismus zu beziehen, bedeutet, Antifaschismus als eine Praxis zu verstehen, die selbst etwas Neues schafft. Es geht darum zu fragen: Welche Art des Widerstands leisten wir? Welche Realität erzeugen wir mit unseren aktivistischen Praxen? Wie arbeiten wir solidarisch zusammen, teilen Verantwortung, bearbeiten Konflikte und praktizieren Fürsorge? Diese Fragen sind in einer regenerativen Orientierung keine Zusatzaufgaben neben den eigentlichen politischen Aktivitäten. Sie bilden vielmehr selbst die Mikrobasis der grossen gesellschaftlichen Veränderung, die angestrebt wird. Anders ausgedrückt: Die Herstellung von konkreten Care-Strukturen in unseren Bewegungen ist ein Dreh- und Angelpunkt antifaschistischer Politik, denn sie erzeugt neue Realitäten für die beteiligten Menschen.
Wenn wir in unseren Bewegungen füreinander sorgen, Verantwortung teilen oder versuchen, Konflikte nicht destruktiv, sondern lebenserhaltend zu bearbeiten, bringen wir eine soziale Realität hervor, die nicht Liquidierungshandeln, sondern Beziehungshandeln ins Zentrum stellt.
Eine solche antifaschistische Praxis bedeutet, auf einer gemeinsamen Zukunft zu beharren und sie – gegen alle Wahrscheinlichkeit – bereits im Hier und Jetzt ein Stück weit zu praktizieren. ●
Im November 2026 erscheint Hoffnungsstrategien in autoritären Zeiten. Ein feministisch queeres Handbuch, an dem Franziska Schutzbach mitarbeitet, herausgegeben von FemWiss, Aktion*Reaktion und der Fondation Centre Pompadour.
Das Handbuch versammelt konkrete Methoden und Perspektiven für einen Widerstand, der sich nicht in der Abwehr erschöpft, sondern die Zukunft, für die er kämpft, bereits im eigenen Handeln gestaltet. Es fragt: Wie können wir unter schwierigen politischen Bedingungen wirksam bleiben? Wie schützen wir, was erkämpft wurde? Wie organisieren wir uns nachhaltig?
Franziska Schutzbach,
*1978, ist Autorin, Geschlechterforscherin und Geschäftsleiterin des Vereins Feministische Wissenschaft Schweiz (FemWiss).