Nina, erzählen Sie uns von Ihrer politischen und religiösen Verwurzelung?
Nina: Politisch verorte ich mich in einer linken, aktivistischen Praxis. Das heisst, ich setze mich nicht auf parlamentarischem Weg, sondern selbstorganisiert für politische Anliegen, gemeinsame Visionen, Kämpfe und Widerstand ein. Stark sozialisiert wurde ich in den feministischen Kämpfen. Ich war aber auch Teil von Besuchsgruppen in Bundesasylzentren und nahm an Platzbesetzungen und Informationskampagnen wie «Parc sans frontières» teil. Dort merkte ich, dass ich nicht nur eine politische Praxis suche, die sich an meinem eigenen Leben und meiner Betroffenheit orientiert, sondern dass ich Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Kämpfen finden möchte.
In den letzten zehn Jahren war ich politisch zunächst eher anarchistisch und später zunehmend autonom-kommunistisch geprägt und organisiert. Ausserdem engagiere ich mich bei «Justice 4 Nzoy», einem Bündnis, das sich für die juristische und aktivistische Aufarbeitung der Tötung von Roger Nzoy Wilhelm durch die Polizei einsetzt. Die Solidarität mit Palästina ist mir ebenfalls ein wichtiges Anliegen.
Religiös sehe ich mich als Muslimin, ich bin konvertiert. Davor war ich christlich sozialisiert, später eine Zeit lang agnostisch unterwegs, weil ich mich in Widersprüchen wiederfand, die ich nicht lösen konnte. Durch den Islam habe ich eine spezifische Praxis gefunden, mit konkreten Ritualen, die mir in dieser Form gefehlt hat. Es ist mir wichtig, diese Aushandlung pluralistisch zu tun. Ich suche Verbindungen und Gemeinsamkeiten mehr als Differenz. Differenz verorte ich historisch und kulturell; sie ist auch etwas Schönes und sie ist gewachsen, aber zugleich hinterfragbar: in einem ständigen Suchen, Neufinden und Verwerfen. Dennoch geschieht dies entlang der muslimischen Praxis, in der ich etwas sehr Schönes und Wichtiges gefunden habe.
Können Sie mehr zu Ihrem Weg zum Islam erzählen?
N: Ich bin christlich sozialisiert worden und habe dort auch gute Erfahrungen gemacht, die stark von meiner Mutter geprägt waren. Wir besuchten ökumenische Gottesdienste, in denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkamen.
Eine sehr prägende Erfahrung war für mich eine Reise mit meiner Konfirmationsklasse nach Taizé. Wir haben viel gesungen und gemeinsam Rituale erlebt. Mich hat berührt, dass es dabei letztlich keine Rolle spielte, aus welcher spirituellen Tradition Menschen kamen.
Als Schwarze Person mit einigen Spanungsfeldern in meiner Biografie fühlte ich mich in dem mir bekannten Christentum jedoch immer weniger verstanden und gesehen. Ich merkte, dass ich mit dem Bild eines weissen Gottes, das mir vermittelt worden war, nichts anfangen konnte. Darauf folgte eine Zeit des Agnostizismus. Ich dachte oft, das Göttliche liege irgendwo dazwischen oder übersteigt unseren Verstand, etwas, das wir nicht vollständig greifen können. Jeden Namen und jedes Glaubenskonzept sah ich als Reduktion der Komplexität.
Ein entscheidender Impuls kam von meinem damaligen Partner, dem Vater meiner Tochter, einem Muslim und Sohn eines syrischen Vaters. Durch unsere Gespräche begann ich, mich intensiver mit dem Islam auseinanderzusetzen, und schliesslich konvertierte ich. Aus meiner feministischen und queer-feministischen Sozialisation heraus hatte ich zunächst viele Vorbehalte. Gleichzeitig merkte ich, wie sehr ich westliche Bilder über den Islam reproduzierte, obwohl ich mich als antirassistische Person verstand. Ich begann zu lesen und suchte gezielt nach feministischen Zugängen zum Islam. Besonders inspiriert hat mich die US-amerikanische Islamwissenschaftlerin Amina Wadud. Parallel dazu setzte ich mich intensiv mit Marxismus und historischem Materialismus auseinander. Mich faszinierte der Gedanke, Dinge in ihrem historischen «Werden und Gewordensein» zu verstehen.
Dabei wurde mir klar, wie politisch sowohl Islam als auch Christentum sind. Mohammed und Jesus standen gegen Herrschaft und setzten sich für eine solidarische Gesellschaft ein.
Mich interessiert seitdem die Frage, was Religion heute sein kann und sein soll, ohne Religion zu verabsolutieren oder völlig zu relativieren. Auch Ilyas Ibn Karim, ein marxistischer Religions- und Kulturwissenschaftler, hat mich dabei sehr inspiriert. Seine Kritik am Säkularismus im Zusammenhang mit der Entstehung des Kapitalismus fand ich sehr spannend. Er hat gezeigt, dass bestimmte antireligiöse Haltungen selbst historisch entstanden sind und aus einer sozialistischen Perspektive kritisch betrachtet werden können. Das hat für mich politisches und spirituelles Denken noch einmal näher zusammengebracht.
Nicola, wie sind Religion und Politik in Ihrem Leben zusammengekommen?
Nicola Neider: Ich komme ursprünglich aus Berlin. Ich bin in der Diaspora sehr römisch-katholisch sozialisiert worden. Nun lebe ich seit 30 Jahren in der Schweiz und engagiere mich politisch, zum Beispiel für die Sans-Papiers-Bewegung im Solinetz Luzern. Ich war immer in linken Gruppierungen aktiv, die stark durch die Befreiungstheologie geprägt sind. Mir ist wichtig, das Politische und das Religiöse nicht zu trennen. Ich engagiere mich aus der Praxis des Evangeliums heraus. Die Praxis des Reiches Gottes lässt für mich keine andere Konsequenz als reale Befreiung zu, nicht nur spirituell, sondern gesellschaftlich.
Sehr viel gelernt habe ich in Basisgemeinden in Chile. Kirche und Engagement gehörten dort unmittelbar zusammen. Wenn am 1. Mai die Kirchen für streikende Arbeiter*innen geöffnet wurden, fand der Gottesdienst gemeinsam mit ihnen statt. Die Kirche bot den Raum, der Inhalt war politisch und gewerkschaftlich geprägt. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. Ein gelebtes Christentum ist für mich ohne linkes politisches Engagement nicht denkbar. Ich verstehe mich als Teil einer Bewegung, ich war nie parlamentarisch und parteipolitisch orientiert.
Seit vielen Jahren bin ich in Luzern im interreligiösen Dialog aktiv, bei der Woche der Religionen, beim Schweigen für den Frieden oder in einem Frauendialog zwischen Mitgliedern von islamischen Frauenvereinen und vom Katholischen Frauenbund Schweiz. Es geht dort darum zu fragen: Was bedeutet unser Muslimischsein oder Christlichsein für unseren Alltag? Gerade Frauen kommen dabei sofort auf ähnliche Themen. Wichtig sind für mich auch Vertreter*innen der islamischen Befreiungstheologie, etwa Kacem Gharbi aus Tunesien. Das bestärkt mich darin, dass alle Religionen eine befreiende Dimension haben.
Ich habe jüdische Vorfahren. Mein Grossvater war jüdisch, lebte sein Jüdischsein aber kaum und konvertierte später zum Christentum. Die deutsche Geschichte und viele ermordete Familienmitglieder in Minsk, Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt haben mich stark geprägt. Dieses Bewusstsein begleitet mich seit der Jugend, auch wenn in meiner Familie wenig darüber gesprochen wurde. Gerade deshalb gerate ich heute in den Diskussionen über Palästina und Israel oft in einen inneren Konflikt. Er ist für mich kaum auflösbar. In dieser Frage bin ich oft ratlos.
Und wie war das bei Ihnen, Jay?
Jay Isadore Obermann: Für mich haben Religion und Politik auf unterschiedliche Weise immer eine Rolle gespielt. Ich bin jüdisch aufgewachsen, aber die Religion wurde mir aufgezwungen, und ich habe sie stark abgelehnt. Mein Vater war sehr religiös, seine Religion war jedoch eng mit seiner politischen Haltung verbunden, die extrem rechts war, nicht nur zionistisch, sondern auch US-amerikanisch rechts. So verband ich Judentum lange mit der Synagoge meines Vaters und dachte, dass diese Religion notwendigerweise zionistisch, nationalistisch und rechts sei. Gleichzeitig erfuhr ich, dass Religion und Rassifizierung oft zusammenkommen, das heisst, auch wenn ich mich nicht religiös identifizierte, wurde ich als jüdisch gelesen. Es gibt aber auch einen kulturellen Aspekt von Religion, und davon war immer vieles geblieben.
Später fand ich zum vietnamesischen Zen-Buddhismus in der Plum-Village-Tradition von Thích Nhất Hạnh. Ich kam aus einer therapeutischen Perspektive dorthin, weil ich viel Trauma und Gewalt erlebt hatte. Der Buddhismus hat mir viel Heilung ermöglicht. Entscheidend war dabei die Verbindung von individueller und kollektiver Heilung. Das hat mich politisiert, und so war ich eine Zeit lang im sozial engagierten Buddhismus zu Hause. Das änderte sich mit dem 7. Oktober 2023. Als ich in Berlin massive Polizeigewalt gegen Demonstrierende – auch gegen jüdische Menschen und gleichzeitig im Namen des «Schutzes» des Judentums – erlebte, wurde mir klar, dass ich Position beziehen und sichtbar werden musste. Ich begann an Demonstrationen in Solidarität mit Palästina teilzunehmen. Dort fand ich ein Judentum, das mir entspricht: politisch, antizionistisch, mit sozialistischen und anarchistischen Traditionen. Ich fand jüdische Menschen, mit denen ich mich tief verbunden fühle, nicht mehr meine Familie und nicht die Synagoge meiner Kindheit. Seitdem sind politische, religiöse und spirituelle Praxis für mich vollständig miteinander verwoben. Ich bin in antizionistischen jüdischen Organisationen in Deutschland, Schweden und in der Schweiz engagiert.
Wie beeinflussen sich Ihr politisches Umfeld und Ihre religiöse Praxis gegenseitig? Wo entstehen Reibungen, wo Verstärkung?
NN: Ich komme wie gesagt aus Berlin. Ende der 1970er Jahre war dort die Hausbesetzerbewegung sehr gross. Ich war immer eine Grenzgängerin, weil Leute aus meiner Klasse in besetzten Häusern lebten und ich auf Demos ging, während ich gleichzeitig bei den christlichen Pfadfindern war. Ich fragte mich, warum sie nicht mit auf die Demos gingen, obwohl es so wichtig war. Gleichzeitig fühlte ich mich in der Hausbesetzerbewegung teilweise fremd, weil ich gegen Gewalt war und nicht verstand, dass Pflastersteine herausgerissen wurden, während Familien mit Kindern im Tränengas standen.
Sehr inspiriert hat mich die Bewegung der Arbeiterpriester, heute der Arbeitergeschwister. In Berlin besetzten sie damals die Regenbogenfabrik. Sie hängten gross einen Spruch an die Fabrik: «Wir müssen viel radikaler werden». Ich war damals etwa zwanzig und hatte gerade das Theologiestudium begonnen. Ich ging nach Hause und sagte zu meiner Mutter: «Mutti, ich muss noch viel radikaler werden.»
Ich merkte, dass ich nicht richtig hineinpasste: weder in die Hausbesetzerbewegung als Katholikin, noch in katholische Jugendvereine, wenn ich gleichzeitig auf Demos ging oder Häuser besetzte. Meinen Weg habe ich erst über die Befreiungstheologie in Lateinamerika gefunden. Dort gingen Glaube und politisches Engagement selbstverständlich zusammen.
Bis heute bleibt das für mich ein Dilemma, weil ich merke, dass das hier in Luzern oft nicht zusammengeht. Es gibt Orte, an denen es gelingt, zum Beispiel im Kirchenasyl. Dort wird Solidarität mit Menschen gelebt, die aus der Schweiz ausgeschafft werden sollen. Die Kirche bietet Schutz, auch im zivilen Ungehorsam. Das hat mich in der Schweiz sehr geprägt, besonders durch die «Beratung Sans-Papiers Zentralschweiz», die ich mit aufgebaut habe. Dort arbeiten Gewerkschaften, Jurist*innen, Kirchen, Caritas und viele andere zusammen. Trotzdem erlebe ich immer wieder, dass mir in linken Kreisen gesagt wird: «Nicola, nur du bist so.» Ich sage dann, ich bin Kirche, ich organisiere über die Kirche politische Projekte. In meinen Augen müsste die ganze Kirche so sein. Ich stehe dabei in der Tradition von Dietrich Bonhoeffer: Das Evangelium muss sich materialisieren.
Umgekehrt gelte ich in bürgerlichen kirchlichen Kreisen oft als unkonventionell, wenn ich mich für die Rechte von Sans-Papiers engagiere oder an linken Demonstrationen teilnehme. Dann heisst es, man müsse auf Kirchensteuerzahlende oder bestimmte Wähler*innen Rücksicht nehmen. Ich antworte: Wir müssen auf das Evangelium schauen. So werde ich von beiden Seiten oft als Exotin wahrgenommen.
JIO: Für mich ist es auch schwierig, Religion und die religiöse Umgebung von der politischen zu separieren, weil alles politisiert ist.
Im organisierten Judentum reagiert man klar auf meine politische Position. Ich habe Angst, Synagogen oder offizielle jüdische Räume zu betreten, weil ich das Gefühl habe, dass sie oft stark von Ethnonationalismus geprägt sind. Das löst bei mir ein Gefühl des Nichtgeschütztseins aus: Ich befürchte, dass ich vielleicht nicht hineingelassen werde, wenn die Verantwortlichen wissen, wer ich bin. In politischen Bewegungen, zumindest in der Palästina-Bewegung, ist es viel breiter akzeptiert, antizionistisch-jüdisch zu sein. Dennoch besteht im Allgemeinen, insbesondere in den Mainstream-Medien, die von rassistischen Stereotypen geprägte Wahrnehmung, dass alle Jüdinnen und Juden Zionist*innen seien. Die jüdische Identität ist also stark politisiert: Entweder bist du Zionist oder nicht.
Menschen wie etwa Udi Raz, Aktivistin, in Haifa aufgewachsen, heute in Berlin lebend, antizionistisch und auch genderqueer, haben mich auf diesem Wege sehr inspiriert. Udi hat mir gezeigt, wie jüdische Praxis auch queer sein kann. Sie wurde mehrfach vom deutschen Staat verhaftet und ihr wurde der Eintritt in eine Synagoge in Berlin verweigert.
N: Ich spüre diese Widersprüche sehr stark zwischen meinen politisch linksradikalen Positionen und einem eher konservativen oder zumindest nicht sehr progressiven Islam in manchen Moscheen. Ich habe aber den Eindruck, dass der 7. Oktober eine gewisse Politisierung gebracht hat: Es gibt mehr Palästina-Solidarität, mehr Menschen auf der Strasse, auch solche, die vorher nie auf einer Demo waren. Es kam auch zu einer Annäherung zwischen muslimischen und linken Räumen.
Und umgekehrt sehe ich in linken Räumen einen grossen Bedarf, sich mit Religion auseinanderzusetzen: Was ist Religion? Was heisst es, im Westen antireligiös zu sein? Welche Rassismen stecken in welchen Haltungen? Ich warte auf eine breitere Auseinandersetzung mit unserer westlichen Position im Umgang mit dem Islam und anderen religiösen Praktiken.
Oft erlebe ich Diskussionen mit kommunistisch geprägten Menschen, die von einer befreiten Gesellschaft ohne Religion ausgehen. Für mich ist das eine westlich-weisse, überhebliche und ignorante Haltung. Der Umgang mit Transzendenz, Tod, Schicksal wird in unserer Gesellschaft tabuisiert und individualisiert.
Gleichzeitig gibt es Menschen aus aktivistischen Kreisen, die sich zunehmend für den Islam interessieren, weil sie merken, wie rassistisch die westliche Darstellung dieser Religion ist und weil sie eine Leerstelle im Umgang mit Transzendenz und Grenzerfahrungen spüren.
Ich habe auch eine queere Identität, und die wird sowohl in manchen muslimischen als auch politischen Kontexten als unvereinbar mit meiner religiösen Identität gesehen. Es sind viele Spannungsfelder da, und trotzdem gibt es auch viel Potenzial, gerade jetzt durch die Krisen. So à la «Widerspruch als Motor für Veränderung».
Seit dem 7. Oktober hat Religion in politischen Debatten stark an Bedeutung gewonnen, oft auch als Konfliktlinie oder Projektionsfläche. Was hat sich dadurch in eurer politischen Arbeit, euren Beziehungen und eurer Sichtbarkeit verändert?
NN: Für mich ist es seither wichtiger geworden, hier in Luzern und in der Schweiz interreligiöse Zusammenarbeit in den Vordergrund zu stellen. Es ging sofort auch um die Frage: Was bedeuten der 7. Oktober und der Krieg danach für Menschen hier?
Ich habe gemerkt, wie wichtig es war, Frauen wie Sumaya Farhat Nasser oder Faten Mukarker, christlichen Palästinenserinnen, eine Bühne zu geben, damit sie erzählen können, was die Gewalt vor Ort bedeutet. Die Solidarität gilt für mich immer den Menschen, sie hat eigentlich mit Religion nichts zu tun.
Ich habe auch erlebt, dass jüdische und muslimische Menschen in Luzern gemeinsam für den Frieden schweigen können. Es gibt viel Solidarität vor Ort, auch aufgrund der Erfahrungen von antisemitischem oder antimuslimischem Rassismus. Es gibt Gefässe wie das Forum der Luzerner Religionsgemeinschaften oder die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft IRAS COTIS. Aber es gab auch Grenzen, Instrumentalisierungen, Konflikte und Druckversuche gegen Palästina-Solidarität. Für mich ist das Verbindende wichtiger geworden. Religion heisst für mich zurückverbinden an etwas Transzendentes – das verbindet uns. Mir ist wichtig geworden, gemeinsam für Frieden zu arbeiten und zu zeigen, dass jüdische, muslimische und andere Menschen hier zusammenleben können. Wenn das nicht gelingt, frustriert mich das sehr.
Ich erlebte nun selbst eine Situation rund um eine Raumvermietung an eine lokale Gruppe der Boykottbewegung BDS. Ich wurde von jüdischen Organisationen angegangen und erlebte enormen Druck, ich stand mit dem Rücken zur Wand. Das erzeugt Ohnmacht und Traurigkeit. Ich schrieb eine Stellungnahme im Namen der katholischen Kirche. Wir sagten, dass es zu BDS verschiedene Stimmen gebe und wir als katholische Kirche, mit einem echten historischen Antisemitismusproblem, uns in diesem Spannungsfeld bewegen müssen. Dabei geht es eigentlich immer um beides: um Solidarität mit mehr als einer Seite und darum, Position zu beziehen.
N: Ich kann deine Situation angesichts des öffentlichen Drucks nachvollziehen. Dieser ist real, da es sich um einen stark politisierten und instrumentalisierten Diskurs handelt. Die bestehenden Widersprüche sind historisch gewachsen und lassen sich nicht vollständig auflösen. Eine machtkritische Perspektive kann jedoch helfen, mit ihnen umzugehen. Es gibt einen herrschenden Diskurs, auf den wir uns beziehen müssen.
Mich hat es erschüttert und wütend gemacht, dass sich die Delegierten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) kürzlich angesichts einer Resolution zur Einführung der Todesstrafe für Palästinenser*innen entschieden, sich nicht zu Israel zu äussern. Jede Moschee muss sich vom Terrorismus distanzieren, jeder Imam muss öffentlich sagen, dass solche Handlungen nicht toleriert werden. Aber bei der jüdischen Gemeinschaft scheint es oft so, dass man sich nicht äussern darf oder nicht positionieren soll. Solidarisch sein heisst für mich auch, dort Kritik anzubringen, wo Solidarität gebrochen wird.
Ich muss mich als Muslimin ständig rechtfertigen, gegen bestimmte Formen von unterdrückerischer Herrschaft oder Machtmissbrauch im Namen des Islams zu sein. Dieses Ungleichgewicht beschäftigt mich: Wer muss sich ständig äussern, und wer darf nichts sagen? Wer wird gezwungen, sich zu positionieren? Welche Stimmen haben welche (materiellen) Mittel und welche Berechtigung? Eine solidarische Haltung könnte heissen: Räume vermieten trotz Widerspruch, und genau darin Aktivismus sehen. Widersprüche aushalten und trotzdem Position beziehen, statt zu schweigen.
Wie geht es Ihnen, Jay, mit jüdischen Positionierungen und Vereinnahmungen von Jüdinnen und Juden?
JIO: Nach dem 7. Oktober habe ich sehr schnell gemerkt, dass die Darstellung einer rassifizierten jüdischen Position stark durch Repräsentationsstrukturen geprägt ist. In Deutschland und in der Schweiz gibt es aufgrund eines zutiefst problematischen, historisch gewachsenen Prozesses eine zentrale Repräsentation von Jüdinnen und Juden. In Deutschland ist der Zentralrat der Juden sehr stark zionistisch geprägt. Auch in der Schweiz gibt es den SIG und weitere Organisationen, die zionistisch ausgerichtet oder mit Israel eng verbunden sind. Wie kann eine heterogene Gruppe mit unterschiedlichen politischen und religiösen Perspektiven durch eine einzige Instanz repräsentiert werden, die sie selbst nicht gewählt hat? Für mich stellt sich die Frage: Wer spricht im Namen «der Jüdinnen und Juden»? Es gibt auch ultraorthodoxe Jüdinnen und Juden, für die Zionismus teilweise als eine Sünde oder sogar als ein Verstoss gegen die Grundprinzipien des Judentums gilt. Trotzdem entsteht eine einzige Stimme, die als jüdisch gilt und politisch entsprechend gelesen wird. Ähnliches gilt auch für Organisationen wie die Anti-Defamation League (ADL) in den USA, die als Repräsentation jüdischer Interessen auftreten, obwohl sie auch politische Interessen vertreten. Es macht mich traurig, wenn Organisationen wie der SIG als «die alleinige» oder «die Hauptstimme» der Jüd*innen bezeichnet werden. Für mich ist das nicht legitim, es ist gefährlich. Sie repräsentieren mich nicht und viele jüdische Menschen, die ich kenne, auch nicht.
Wie gehen Sie persönlich mit dieser Situation um?
JIO: Nach dem 7. Oktober habe ich eine andere Form von Judentum gefunden: ein Judentum auf der Strasse, queer-freundlich und inklusiv, wie es mir eben Menschen wie Udi Raz gezeigt haben. Ich habe anarchistische und antikoloniale jüdische Texte gelesen und eine vielfältige Tradition entdeckt, etwa die Bewegung des Jüdischen Arbeiterbundes, der Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren osteuropäischen Ländern aktiv war, antizionistisch und sozialistisch. Eine meiner ersten positiven religiösen Erfahrungen nach dem 7. Oktober war in Schweden während Pessach 2024. Yaël, ein*e Freund*in von mir, eine religiöse antizionistische Jüdin, organisierte eine Feier mit sozialistischen, antizionistischen Gebetstexten, aus alten Traditionen und mit neuen politischen Lesarten. Es war sehr inklusiv und warm. Verschiedene Symbole lagen auf dem Tisch, auch feministische und befreiungsbezogene. Yaël sang sephardische Melodien und ich habe geweint, weil ich spürte, dass das eine Form von Judentum ist, die Raum hat für Vielfalt, Befreiung, Schönheit und Heilung zugleich. Ein Judentum, das Raum hat für mich.
Nicola, kennen Sie ebenfalls solche Momente religiöser Praxis, in denen die Spannungen zwischen Religion und Politik verschwinden?
NN: Bei mir gibt es das an vielen Orten, weil ich interreligiöse Dialogveranstaltungen organisiere. In einer interreligiösen Frauengruppe, die während 16 Jahren bis vor Kurzem existierte, entstanden über die Jahre Freundschaften. Wir diskutierten viele Themen, dabei war die Regel immer: Ich spreche von mir, du sprichst von dir, und wir hören einander zu. Dieses Zuhören und das Entdecken von Gemeinsamkeiten sind extrem wichtig. Weil wir gemeinsame Interessen hatten, konnten wir so Grenzen überwinden, die eigentlich trennen würden. Gerade in der feministischen Bewegung sehe ich das stark: unterschiedliche religiöse Hintergründe, aber viele Verbindungen in den Themen. Wir haben auch jedes Jahr eine interreligiöse Friedensfeier, bei der Vertreter*innen aller Religionen zusammenkommen: buddhistische, hinduistische, muslimische, jüdische, christliche, auch orthodoxe. Lokal können wir viele Krisen gut auffangen, weil wir uns gut kennen. Und ich sehe eine gemeinsame Praxis: Solidarität mit den Ärmsten. Zum Beispiel lädt die bosnische Moschee im Ramadan Geflüchtete zum Iftar ein. Das ist gelebte Solidarität.
Diese Praxis ist für mich das Zentrum auch meines politischen Engagements: sich zusammenschliessen, Netzwerke bilden, Demos organisieren und diese gemeinsame Basis leben.
Ich habe viel gelernt in der Zeit, als ich auf den Philippinen bei indigenen Bergvölkern war. Dort spielt Religion in unserem Sinn kaum eine Rolle. Es geht um Verbundenheit mit der Schöpfung. Wenn wir die Klimakrise betrachten, ist das vielleicht genau die Lebensweise, die wir bräuchten – jenseits aller institutionalisierten Religionen.
Und wo kommt für Sie, Nina, Religiöses und Politisches zusammen?
N: Ein wichtiger Moment war für mich, als die syrisch-muslimische Hälfte der Familie meines Kindes plötzlich mit mir gemeinsam auf Demos war, wo auch Tränengas eingesetzt wurde, etwas, das es vorher nicht gab. Das war für mich ein Moment, in dem radikalere Formen des Widerstands nicht mehr nur als gewaltvoll skandalisiert wurde, sondern als notwendig, als Antwort auf herrschende Gewalt, hier in Solidarität mit Palästina. Das hat mich sehr berührt. Wenn ich dir, Jay, zuhöre, denke ich: Es wäre schön, über die gemeinsame anti-imperiale und anti-rassistische Kritik hinaus in der Linken Räume zu schaffen, um über das Religiöse zu sprechen, nicht nur in Situationen von Bedrängnis und Widerstand, sondern auch als Potenzial. Es wäre schön, zusammenzusitzen und uns zu fragen: Was nährt uns? Was verbindet uns – auch im Sinn dessen, was Nicola zur Ökologie gesagt hat? Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer marxistischen Person, die in der Landwirtschaft arbeitet. Sie sagte, dass sie über die Natur mehr und mehr zu der Einsicht kommt, dass da mehr ist, eine Kraft über uns hinaus. Wenn es Räume für solche Auseinandersetzungen gäbe, würden sich mehr Menschen trauen, das vorhandene Bedürfnis nach Ritualen, nach Umgang mit Transzendenz anzusprechen, und im besten Fall ein widerständiges Potenzial in religiösen Traditionen und spirituellen Praktiken sehen. Das würde uns stärken und zusammenbringen. ●
beschäftigt sich im aktivistischen wie auch sozialwissenschaftlichen mit widerständigen Praxen und (Bewusstseins-)Bildung. Dabei setzt sie sich mit Widersprüchen zwischen der materiellen Realität und Ideologie/Idealen und ihrer Geschichte auseinander. Ihr liegen Organisierung und Empowerment gegen Ausbeutung und Unterdrückung am Herzen.
ist Theologin und Pädagogin und lebt in Luzern. Sie war bis November 2026 Leiterin des Fachbereichs Migration & Integration der katholischen Kirche Stadt Luzern.
ist ein*e antizionistische jüdische Musiker*in, Autor*in und Pädagog*in, die über jüdische Identität, Zionismus und deutschen und schweizerischen Neofaschismus forscht, lehrt und schreibt.
*1990, ist Journalistin und Co-Redaktionsleiterin der Neuen Wege.
*1962, ist Co-Redaktionsleiter der Neuen Wege, Theologe und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Menschenrechtsinstitution SMRI.