Anarchismus wagen

Andreas Mauz, 7. Oktober 2026
Neue Wege 5.26

Es muss ein langer Abend gewesen sein, ein sehr langer. Jedenfalls ist die Druckfassung von Margarete Susmans Vortrag, gehalten während des Ferienkurses der Religiös-Sozialen Vereinigung 1946, sehr lang. Ihre Malanser Ausführungen zum Sinn des Anarchismus werden 1947 in drei Teilen in den Neuen Wegen publiziert. Die insgesamt 24 Seiten zeigen überaus spannend, wie eine prominente Akteurin der religiös-sozialen Bewegung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine generelle Standortbestimmung zur Sache unternimmt. Susman, die mit Gustav Landauer (einem führenden anarchistischen Denker und Aktivisten der Kaiserzeit) in engem Austausch stand, identifiziert sich selbst nicht mit dem Anarchismus, hat aber starke Sympathien. Sie geht zunächst von einer globalen Verortung des Anarchismus aus, nämlich der Annahme, dass er «heute als Ganzes bereits einer versunkenen Epoche» angehöre. Aber gerade diese Diagnose motiviert sie, sich ausführlich auf seine Entwicklung einzulassen. Sie diskutiert die Stellung des Anarchismus innerhalb der sozialistischen Bewegung, seine verschiedenen Strömungen und seine Widersprüchlichkeiten. Ihre eigene, im Anschluss an Proudhon formulierte Auffassung seines «Grundsteins»:

«Dies Einanderrufen in der Dunkelheit, dies Einanderhelfen in der Nacht, diese fraglose, unmittelbare Übung der Gerechtigkeit von Mensch zu Mensch ist der Grundstein des Anarchismus.» (Neue Wege 1.1947)1

Unmittelbar darauf hält sie aber auch fest, was ihr eines seiner «schwere[n] Problem[e]» zu sein scheint: seine Distanzierung von der Religion, sein Atheismus, die er mit vielen geistig-politischen Aufbrüchen des 19. Jahrhunderts teilt. Erst spät, im dritten Teil, erwähnt Susman die Ausnahme des christlichen Anarchisten Tolstoi und fragt auch nach anarchistischen Impulsen im religiösen Sozialismus. Sie wird durchaus fündig, betont aber besonders eine vormoderne Nähe:

 «[E]s öffnet sich der Blick in den geschichtlichen Hintergrund der Revolution der Täufer, der grossen christlichen Revolutionen überhaupt, und die Geschichte des Anarchismus tritt ein in die Geschichte der Sache Christi, wie sie Leonhard Ragaz in seinem letzten Buche aufgezeichnet hat.» (Neue Wege 3.1947)2

Susmans Aufsatz ist das ausführlichste, aber längst nicht das einzige Zeugnis für eine Reflexionslinie, welche die Neuen Wege nicht dominant, aber doch recht kontinuierlich begleitet. 1969 veröffentlicht der anarchistische Basler Antiquar Heiner Köchlin den Beitrag Anarchismus, Gefahr, Illusion, Hoffnung?, aufgrund seiner Länge seinerseits in zwei Teilen (Neue Wege 7–8.1969 und 9.1969). Auch Köchlins Überlegungen zielen, wie der Titel zeigt, ins Grundsätzliche. In Sachen Religion geht er insofern über Susman hinaus, als er «die Grundhaltung alles echten Anarchismus» schlicht «religiös» nennt und den Atheismus in seiner anarchistischen Variante als einen «Kampf für Gott» ausweist, nämlich als Sicherung seiner Transzendenz gegen Gott als «‹soziomorphes› Abbild des menschlichen Machttriebes». 2019 hat unser Redaktionsteam die Linie schliesslich weitergeschrieben mit dem Heft Ni Dieu? Ni Maître! (Neue Wege 9.2019).

Aber vielleicht verharmlosen diese historischen Reminiszenzen zum Thema den Anarchismus. Weniger harmlos wären doch die Fragen, wie wir – die Neuen Wege 2026 – es mit ihm haben und wie wir es in den kommenden Jahren mit ihm haben könnten. Die gegenwartsbezogene erste möchte ich versuchsweise positiv beantworten. Ich sehe in der Zeitschrift und den Menschen, die sie und ihre Anliegen tragen, mit der Herrschaftskritik und einer bewusst gestalteten Selbstorganisation anarchistische Grundmotive, die in der jüngeren Vergangenheit an Kraft gewonnen haben. Die Herrschaftskritik hat Gewicht, weil sie nicht zuletzt auch Selbstkritik war: Während der Vorstand der «Freund*innen der Neuen Wege» in früheren Jahren dem Modell eines (Ko-)Präsidiums folgte, das zeitweise auch präsidial agierte, ist dieser nun ein hierarchieloses Gremium. Eine anarchistische Note sehe ich aber auch in der kollektiven Entscheidung zu den bunten und bebilderten Neuen Wegen. Sie lassen die alten im Rückblick äusserlich ziemlich freudlos und orthodox daherkommen. Emma Goldman variierend: Seit Bonbon die Gestaltung macht, bieten wir eine tanzbarere Revolution an.

Man muss die im Ganzen gesteigerte Reformbereitschaft und sorgsam organisierte gegenseitige Hilfe der Neuen Wege natürlich nicht anarchistisch nennen. Aber man kann es. Jenseits der Diskurslinien, die den spannungsvollen Zusammenhang von Religion/Christentum und Anarchismus betreffen, bietet Letzterer als Philosophie, politische Bewegung und Lebensform ein hohes Potenzial, das in den Neuen Wegen bereits wirksam ist und noch wirksamer werden kann. Ich habe, wie andere auch, im Rahmen des aktuellen Zukunftsprozesses der Neuen Wege dafür plädiert, das Steuerungsorgan der Neuen Wege in Zukunft «Kollektiv» zu nennen. Dahinter stand in meinem Fall ein allgemeineres Anliegen. Ich möchte vor den «Sozialismus» im Untertitel der Zeitschrift künftig bewusster ein «anarchistischer» setzen, um die Energien anzuzapfen, die Susman im letzten Teil des Essays folgendermassen benennt – oder vielmehr beschwört:

«Es ist im Anarchismus eine Mischung der entgegengesetztesten Antriebe und Wirklichkeiten: Nüchternheit und Taumel, Selbstopfer und Rausch brennenden Lebens, die Dornenkrone der reinsten Hingabe und der brausende Wille zur absoluten Freiheit schliessen einander nicht aus.» (Neue Wege 3.1947)2●

  1. Zitat aus: Margarete Susman: Der Sinn des Anarchismus. In: Neue Wege 1.1947.

  2. Zitate aus: Margarete Susman: Der Sinn des Anarchismus. In: Neue Wege 3.1947.

Zur weiteren Lektüre:
Sebastian Kalicha (Hrsg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Heidelberg 2013.
Daniel Loick: Anarchismus zur Einführung. Hamburg 2024.

  • Andreas Mauz,

    *1973, ist Literaturwissenschaftler und Theologe und Teil der Neue Wege-Redaktion.