Susmans Aufsatz ist das ausführlichste, aber längst nicht das einzige Zeugnis für eine Reflexionslinie, welche die Neuen Wege nicht dominant, aber doch recht kontinuierlich begleitet. 1969 veröffentlicht der anarchistische Basler Antiquar Heiner Köchlin den Beitrag Anarchismus, Gefahr, Illusion, Hoffnung?, aufgrund seiner Länge seinerseits in zwei Teilen (Neue Wege 7–8.1969 und 9.1969). Auch Köchlins Überlegungen zielen, wie der Titel zeigt, ins Grundsätzliche. In Sachen Religion geht er insofern über Susman hinaus, als er «die Grundhaltung alles echten Anarchismus» schlicht «religiös» nennt und den Atheismus in seiner anarchistischen Variante als einen «Kampf für Gott» ausweist, nämlich als Sicherung seiner Transzendenz gegen Gott als «‹soziomorphes› Abbild des menschlichen Machttriebes». 2019 hat unser Redaktionsteam die Linie schliesslich weitergeschrieben mit dem Heft Ni Dieu? Ni Maître! (Neue Wege 9.2019).
Aber vielleicht verharmlosen diese historischen Reminiszenzen zum Thema den Anarchismus. Weniger harmlos wären doch die Fragen, wie wir – die Neuen Wege 2026 – es mit ihm haben und wie wir es in den kommenden Jahren mit ihm haben könnten. Die gegenwartsbezogene erste möchte ich versuchsweise positiv beantworten. Ich sehe in der Zeitschrift und den Menschen, die sie und ihre Anliegen tragen, mit der Herrschaftskritik und einer bewusst gestalteten Selbstorganisation anarchistische Grundmotive, die in der jüngeren Vergangenheit an Kraft gewonnen haben. Die Herrschaftskritik hat Gewicht, weil sie nicht zuletzt auch Selbstkritik war: Während der Vorstand der «Freund*innen der Neuen Wege» in früheren Jahren dem Modell eines (Ko-)Präsidiums folgte, das zeitweise auch präsidial agierte, ist dieser nun ein hierarchieloses Gremium. Eine anarchistische Note sehe ich aber auch in der kollektiven Entscheidung zu den bunten und bebilderten Neuen Wegen. Sie lassen die alten im Rückblick äusserlich ziemlich freudlos und orthodox daherkommen. Emma Goldman variierend: Seit Bonbon die Gestaltung macht, bieten wir eine tanzbarere Revolution an.
Man muss die im Ganzen gesteigerte Reformbereitschaft und sorgsam organisierte gegenseitige Hilfe der Neuen Wege natürlich nicht anarchistisch nennen. Aber man kann es. Jenseits der Diskurslinien, die den spannungsvollen Zusammenhang von Religion/Christentum und Anarchismus betreffen, bietet Letzterer als Philosophie, politische Bewegung und Lebensform ein hohes Potenzial, das in den Neuen Wegen bereits wirksam ist und noch wirksamer werden kann. Ich habe, wie andere auch, im Rahmen des aktuellen Zukunftsprozesses der Neuen Wege dafür plädiert, das Steuerungsorgan der Neuen Wege in Zukunft «Kollektiv» zu nennen. Dahinter stand in meinem Fall ein allgemeineres Anliegen. Ich möchte vor den «Sozialismus» im Untertitel der Zeitschrift künftig bewusster ein «anarchistischer» setzen, um die Energien anzuzapfen, die Susman im letzten Teil des Essays folgendermassen benennt – oder vielmehr beschwört: