ich sitze im bus. auf dem newsscreen laufen die aktuellen schrecklichkeiten der welt in dauerschlaufe ab. wo es wieder brennt, wo wieder bomben abgeworfen werden, und dann noch mal alles von vorne. ich schaue mich um. versuche in den gesichtern der menschen zu erkennen, was sie fühlen. schaue angestrengt hin, eigentlich unhöflich, im bus so zu starren. aber gerade ist mir das egal, weil ich merke, wie sehr ich mich auch anstrenge: da ist nichts, das ich sehen kann. kein kummer, keine tränen, nicht das kleinste anzeichen von trauer. in der spiegelnden fensterscheibe sehe ich in der überlagerung der sich wegbewegenden landschaft nur unbewegte gesichter, denen ich nichts entlocken kann. da liegt eine teilnahmslosigkeit über allen, da liegt eine teilnahmslosigkeit über allem, die ich nur schwer ertragen kann. ich würde gerne aufstehen und jemanden schütteln. wenigstens einen zuckenden mundwinkel, ein feuchtwerden der augen, eine träne herausschütteln. irgendeine bestätigung, dass ein herz immer noch fühlt. aber ich kann es ja auch verstehen.
die geschwindigkeit, mit der der kummer dieser welt auf uns einströmt, ist in den letzten jahren irgendwann so hoch geworden, dass ich nicht weiss, wie irgendjemand noch mithalten soll. wie irgendjemand das noch aushalten soll. aus den meisten reportagen sind newsticker geworden, diese welt fühlt sich an wie formel 1 des abfucks. wobei, vielleicht stimmt das auch gar nicht. vielleicht folgen die krisen und katastrophen gar nicht immer schneller aufeinander, sondern die welt ist einfach vernetzter. vielleicht gab es schon immer so viel leid, vielleicht bekommen wir nur jetzt erst so viel davon zu sehen und lesen und hören. ich weiss es wirklich nicht. aber so oder so fühlt es sich an, als würde es in mir drin nicht genug platz für all den kummer geben, der gefühlt im minutentakt auf mich einprasselt. ich ertappe mich ja selbst dabei, wie mein finger schon wieder auf ein app-icon, ein video, ein hörbuch klickt, weil ich es nicht aushalte, so viel zu fühlen. oder vielleicht weil ich es nicht aushalte, so viel nicht zu fühlen.
ich weiss nicht, wie das überhaupt ein herz aushalten soll, dass da keine gerechtigkeit ist. dass die verluste nicht enden. dass der kummer nie aufhört. manchmal wünsche ich mir, ich könnte so viel weinen, dass auf meinen wangen flüsse entstünden, die bis ins meer flössen, damit der kummer irgendwohin kann. ich stelle mir das schön vor, diese tränenflüsse. wie sie von meinen wangen auf den boden tropfen würden, erst langsam, sickernd, und dann immer stetiger. alle könnten sie sehen, diese trauer, die da aus mir herausquillt. und dann würde sie weiterfliessen, über den boden des busses, durch die türen auf die strasse schwappen, und von da durch das land mäandrieren. vielleicht würde sie sich unterwegs mit den flüssen mischen, die von anderen geweint werden. wassermassen von geteilter trauer, die sich einen weg durch die welt bahnen, das stelle ich mir schön vor.
seit ich an einer masterarbeit zum thema «geopolitical grief», geopolitische trauer, schreibe, fällt mir auf, wie wenig raum ich der trauer eigentlich zugestehe. nicht dass ich trauer nicht kennen würde. es ergibt sich auch über mein leben verteilt eine ansehnliche ansammlung von kummer, von grossen und kleinen traurigkeiten, von gebrochenen herzen und verlorenen kuscheltieren, vom verlust geliebter menschen, zukunftsangst und der einsicht, vielleicht doch lieber sein zu wollen, wer ich früher einmal war. aber ich habe diese trauer meistens für mich behalten und sie anderen nur in abgepackten und bereits einsortierten versionen gezeigt, wenn überhaupt. ich habe mir die trauer bis jetzt immer aufbehalten für die schwere unter meiner bettdecke oder die arme meiner freund*innen. und in den seltenen momenten, in denen ich andere in all die angesammelte trauer schauen liess, war es immer nur flüchtig. man will sich ja schliesslich anderen nicht zu sehr zumuten, man will ja schliesslich auf gar keinen fall eine last sein.
immerhin bin ich mir mittlerweile zumindest sicher, dass ich damit nicht alleine bin. vermutlich ist es nicht weiter erstaunlich, dass wir einander grossen und kleinen kummer nur selten zeigen. wir haben es nicht anders gelernt. es gibt unzählige ausgesprochene und unausgesprochene regeln, normen und vorgaben, wie man zu trauern hat: wie lange, wie laut und wie ausufernd ist richtige trauer? wer trauert? und für wen darf getrauert werden? mit wem und wie spricht man über diese trauer, und wie viele tage muss man nach einem todesfall eigentlich nicht bei der arbeit erscheinen? wer soll weinen, wer darf weinen? wie lange und wie laut? wo teilt man die trauer, und wo sollte man auf gar keinen fall weinen? wen kann man bei akuter und mittelfristiger und langanhaltender trauer anrufen? und ab wann muss man sich aber jetzt doch mal ein bisschen zusammenreissen? da ist ein vorgegebenes alphabet der trauer, das wir alle gelernt haben, und heute fehlt uns der wortschatz, um einander zu sagen, wie es uns wirklich geht.
die meisten menschen hier werden in einer gesellschaft gross, die uns erzählt, dass wir immer, und damit meinen wir ausnahmslos immer, produktiv sein müssen. also haben wir versucht, die zeit und den raum, den wir uns und anderen zum trauern zugestehen, so klein wie möglich zu halten. wenn ich heute menschen erzähle, dass ich gerade zu geopolitischer trauer arbeite, ist die erste frage normalerweise, was denn an trauer politisch sei. eine berechtigte frage. «politisch» ist ja kein label oder gütesiegel, das man gut sichtbar auf die diskurse, auf strukturen und gewohnheiten unserer welt kleben kann. das politische an allem, das politische im allgemeinen bleibt oft unsichtbar, nur schwer zu fassen – wie durchsichtige fäden, die einordnen, einschränken und vorgeben, eingewebt in alle aspekte dieser welt. auch ins trauern. dass trauer also als etwas privates gilt, als etwas unpolitisches, ist nicht zufällig. für meine masterarbeit versuche ich herauszufinden, wie es bei uns mit geopolitischer trauer so steht. dabei ist geopolitische trauer kein fixer begriff, den man in einem wörterbuch nachschlagen könnte, sondern mein versuch, einen begriff zu finden für das, was um mich herum passiert. das, was in der welt passiert, prasselt durch die handybildschirme, radiogeräte und zeitungen auf uns ein: es wird viel darüber geredet und geschrieben, was wo in der welt in massivster schieflage liegt. aber was das mit uns macht: ob es uns beschäftigt, ob wir mitfühlen, ob wir trauern und, wenn ja, für wen und warum – darüber sprechen und schreiben wir nicht. und ich persönlich glaube, das ist ein fehler. ich glaube, es ist wichtig, darüber zu sprechen, was die welt mit uns macht. weil wir daraus auch lernen können, was wir mit dieser welt machen wollen, was wir aus dieser welt machen wollen.
trotz dieser arbeit – oder vielleicht auch gerade deswegen – glaube ich nicht, dass ich trauer besser kenne als andere leute. wir alle kennen kummer, wir alle trauern. vielleicht nicht immer denselben kummer, nicht immer dieselbe trauer, aber wir kennen sie. Und das verbindet uns. trauer ist ein knotenpunkt im gewebe der welt, eine kreuzung, an der wir uns treffen können. an der wir manchmal stehen bleiben, einander sehen und sagen, dass es uns gleich geht. und dass wir uns wünschten, dass es leichter wäre, für alle. ich will mir nicht anmassen, mehr über die trauer eines menschen zu wissen als die person selbst. aber ich kenne trauer, und vor allem habe ich viel über trauer gelernt. über die politischen und gesellschaftlichen aspekte genauso wie über die art, wie das weinen meiner freund*innen klingt und wie sie am liebsten gehalten werden. ich habe gelernt, dass die individualisierung von trauer die meisten menschen darin allein lässt. ich habe gelernt, dass trauer zwar intim und manchmal auch privat ist, aber trotzdem immer auch politisch. ich habe gelernt, dass trauer, insbesondere geopolitische trauer, mit macht zu tun hat, mit narrativen, mit unterdrückung und rechtfertigung von missständen. dass trauern, oder nicht zu trauern, ein politisches instrument sein kann.
vermutlich ist es allein dadurch, dass ein tag nur 24 stunden hat, nicht möglich, über alle katastrophen, krisen und kriege und jeden menschen darin bescheid zu wissen. und vermutlich ist alleine dadurch, dass der alltag uns zu beschäftigt hält und ein herz nur so und so oft schlagen kann, nicht möglich, bei allem gleich gross und lange mitzufühlen. aber trotzdem: warum trauern wir um die opfer von kreuzfahrtschiffen, aber nicht um menschen auf der flucht, die wir im mittelmeer ertrinken lassen? warum sprechen wir so oft mit unseren müttern über unseren kummer, aber so selten mit unseren vätern? warum weinen wir alleine in unserem schlafzimmer, aber nicht im büro, im schulzimmer, beim steueramt oder auf der strasse? warum werden wir von bühnen geschickt, aus universitäten geräumt und von strassen verwiesen, wenn wir von der trauer über die auslöschung von palästinenser*innen sprechen wollen? warum senken wir die flagge auf dem bundeshaus für die opfer einer brandkatastrophe, aber nicht für die unzähligen durch die klimakatastrophe hervorgerufenen oder verstärkten waldbrände? wie eurozentrisch ist unser bild von trauer, und wie sehr ist es geprägt von leistungslogik und einem kapitalistischen system? warum sprechen wir so wenig über trauer? und warum teilen wir so wenig davon?
dass manche menschenleben als nicht betrauernswert betrachtet, erzählt oder erklärt werden, ist ein werkzeug, um diesen menschen keine menschlichkeit zuzugestehen, sagt Judith Butler. und ich glaube, dass das sehr gut ins narrativ der mächtigen passt. wir lernen alle, so wenig und so kurz wie möglich zu trauern, als müsste man sich dafür schämen. wir lernen, die trauer für uns zu behalten, als wäre sie ein geheimnis. wir lernen, dass man über trauer nicht zu laut spricht, nicht zu ausufernd, nicht zu öffentlich. und wir lernen, dass manche leben es nicht wert seien, betrauert zu werden.
was heisst das also, wenn wir trotz des gefühls von ohnmacht, das der weltschmerz auslöst, aufhören würden, uns abzulenken, wegzuschauen oder über den kummer zu schweigen? was passiert, wenn wir anfangen, diese traurigkeit zu zeigen? was wäre, wenn wir sehen würden, dass wir mit dieser trauer nicht alleine sind? wenn wir anfangen würden, öffentlich über diese trauer zu sprechen – sie auf strassen zu tragen, an esstischen davon zu erzählen, in medien darüber zu schreiben? hätten die autoritären regime, die kapitalistischen konzerne, die mächtigen männer, die ehemaligen kolonialisten, die armeen und die waffenfirmen davor angst, dass wir plötzlich mitfühlen würden?
die us-amerikanische dichterin und aktivistin Malkia Devich-Cyril schreibt: «grief is the opposite of indifference.» trauern ist eine weigerung, den status quo zu akzeptieren. und ich glaube, diese einsicht hilft gegen die normalisierung der gewalt, der machtungleichheit. anzuerkennen, dass die welt nicht so ist, wie ich sie mir wünsche – nicht gerecht oder gut oder voller zukunft –, heisst auch zu trauern. hinzuschauen und zu sehen, was schlecht ist, hilft zu erkennen, welche welt wir uns wünschen. ich wünsche mir eine welt, in der wir uns erlauben, dass uns etwas berührt, dass diese welt etwas mit uns macht. in der wir räume und zeit haben, um unsere trauer miteinander teilen zu können, ganz egal für wen oder wo wir trauern. ich wünsche mir eine welt, in der trauern etwas kollektives wird, etwas hoffnungsvolles, etwas widerständiges. ich wünsche mir newsfeeds, in denen es nicht nur um facts zu klimakatastrophen und genoziden geht, sondern auch um die trauer darüber. ich wünsche mir einen bus voll weinender leute. ich wünsche mir strassen voll vom widerstand. weil es nicht normal ist, was in der welt passiert, weil es nicht normal sein darf. «may our grief carve new ways to imagine and enact liberation.» diese welt wünsche ich mir. ●
*2000, sammelt seit mehr als einem halben Jahrzehnt im Poetry-Slam quer durch die Schweiz Bühnenerfahrung. Auf und neben den Bühnen setzt Mia sich für soziale Gerechtigkeit ein. Mia hat in Bern die feministische Lesebühne Kollektiv Kitzeln mitgegründet und studiert Geografie an der Universität Bern.