Der indigene Franziskus

Bettina Dyttrich, 30. September 2026
Neue Wege 5.26

Ein Kulturzentrum in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. An diesem Abend geht es um psychedelische Drogen. Die Referentin erzählt von einer indigenen Gemeinschaft in Kolumbien, die beschlossen habe, ihr Wissen mit den Weissen zu teilen. Tourist*innen dürfen nun gegen Bezahlung an mehrtägigen Zeremonien teilnehmen, an denen halluzinogene Pflanzen zum Einsatz kommen. Es handle sich nicht um das bekannte Ayahuasca, sagt die Referentin, sondern um eine verwandte, aber seltenere Droge. Die Gemeinschaft sei zum Schluss gekommen, dass die Weissen diese Droge auch nötig hätten, um sich selbst und die Erde zu heilen.

Der Vortrag kommt ethnologisch daher, klingt aber wie ein Werbespot. Er trifft die Sehnsucht vieler Europäer*innen perfekt: Die Reise nach Kolumbien verspricht indigenes Wissen, eine Begegnung mit Menschen, die «im Einklang mit der Natur» leben, und erst noch eine exklusive Droge. Das Publikum stellt kaum kritische Fragen – obwohl sie sich eigentlich aufdrängen, hier, in einem linken Kulturzentrum: Was hat diese Gemeinschaft genau beschlossen, und wer war am Entscheid beteiligt? Entstand er auch aus materieller Not? Was ist mit dem Macht- und Wohlstandsgefälle zwischen europäischen Tourist*innen und indigenen Kolumbianer*innen, was mit der viel diskutierten kulturellen Aneignung? Und im Ernst: die Erde heilen – nach einem Interkontinentalflug?

Manchen Linken fällt es leicht, das Thema als «esoterisch» abzustempeln – und gut ist. Doch das ist zu einfach. Trotz der problematischen Fragen, die sich an diesem Abend stellen: Die Sehnsucht dahinter ist relevant. Es ist eine Sehnsucht nach einem anderen Verhältnis zur Natur, der eigenen und der äusseren, nach einem unentfremdeten Zugang zur Welt, auch nach Erkenntnis. Sie drückt ein Unbehagen am Kapitalismus aus. Sie könnte ein politisches Potenzial haben.

Das instrumentelle Verhältnis zur Natur, das die westliche Gesellschaft seit dem Frühkapitalismus geprägt hat, ist gescheitert. Genauso gescheitert sind die Versuche mancher Umweltschützer*innen, die Natur in die kapitalistische Logik einzupassen, indem man ihr «einen Preis gibt». Man hat den Wert von «Ökosystemleistungen» berechnet und gehofft, die Wirtschaft werde freiwillig für die Naturgüter bezahlen, die sie gratis benutzt und verbraucht. Das musste scheitern, denn dieses Wirtschaftssystem lebt von Externalisierung.

Ein anderer Bezug zur Welt, der ihre Lebendigkeit respektiert und sie nicht auf eine Ansammlung von Ressourcen reduziert, ist dringend nötig. Das meinte Gerhard Traxel in seiner Predigt vor fünfzig Jahren:

«Franz von Assisi zeigt uns, dass das Problem unserer zerstörten Umwelt nicht nur mit quantitativen Massnahmen zu bewältigen ist. Nicht allein damit, dass wir Grenzwerte errechnen und uns an Zahlen halten, wie viel wir allenfalls der Natur noch zufügen dürfen und wie viel nicht mehr. Es geht nicht um Zahlen, zeigt Franziskus, es geht um die ganze Einstellung; um unsere Grundhaltung, die wir der Natur entgegenbringen.» (Neue Wege 9.1976)1

Doch die beschriebene Veranstaltung zeigt die Fallstricke der Begeisterung für indigene Zugänge. Oft werden sie reduziert auf eine «bessere», naturverbundene Spiritualität. Diese lässt sich bestens vermarkten: Das psychedelische Erlebnis im indigenen Dorf wird Teil der globalen Tourismusindustrie, die Sehnsucht richtet sich in die Ferne statt auf Befreiung im Alltag. Eine psychedelische Erfahrung kann das Leben der Teilnehmenden verändern, das ist unbestritten. Aber was machen sie dann damit? Warum können so viele, die auf dem Trip erleben, dass alles miteinander verbunden ist, offensichtlich einfach weitermachen, ohne ihre eigene Verstrickung in die Konsumgesellschaft – etwa durch Interkontinentalflüge – zu hinterfragen?

Sehnsucht und religiöse Erfahrung können dann politisch werden, wenn Macht- und materielle Fragen gestellt werden. Denn die «bessere», indigene Spiritualität hat materielle Ursprünge: Sie entsteht aus der Erfahrung der Abhängigkeit von Ökosystemen und ihren Lebewesen als eigene Lebensgrundlage. Auch zu Franziskus’ Zeiten spürte ein grosser Teil der Bevölkerung diese Abhängigkeit noch unmittelbar. Die Kirche unterdrückte zwar die direkte Verehrung von Pflanzen, Tieren und Naturphänomenen, dennoch verschwand sie nie ganz.

In Traxels Worten:  «Ihr seht alle die Natur nur als euer Objekt an, auch wenn ihr mit neuesten Grenzzahlen operiert, würde uns Franziskus heute wohl sagen. Ihr tretet ihr gegenüber, wie wenn sie nur Material eures Denkens, Machens und Planens wäre.» (Neue Wege 9.1976)1

Indigene und franziskanische Zugänge ernst zu nehmen, heisst darum vor allem: auf eine andere Ökonomie hinarbeiten. Auf eine Ökonomie, in der die Natur nicht mehr Objekt ist. Die Spiritualität, glaube ich, entstünde dabei fast allein. ●

  1. Zitate aus: Gerhard Traxel: Der Sonnengesang von Franz von Assisi. In: Neue Wege 9.1976.

  • Bettina Dyttrich,

    *1979, ist Redaktorin der Wochenzeitung WOZ mit den Schwerpunkten Ökologie, Landwirtschaft und Gesellschaftspolitik, schreibt Sachbücher und Literatur.