Ich erinnere mich an jenen Morgen im frühen Winter 1972, als meine Mutter mir, dem kleinen Primarschüler, am Frühstückstisch die Radionachricht überbrachte, dass Mani Matter gestorben sei. Die letzten Chansons, die er schrieb, waren nachdenklicher als frühere, es fehlte die übliche heitere Pointe: «Warum syt dir so truurig? Förchtet der das, wo chönnt cho? Aber dir syt doch versicheret / Gäge die mügleche Zuefäll / Und wenn ds Alter de chunnt / Heit der e rächti Pension / Warum syt dir so truurig? Nei, dir wüsset ke Grund».
Heute haben wir viele Gründe, mit traurigen Augen in die Welt beziehungsweise in unsere Handys zu blicken. Wir haben – anders als in der Hochkonjunktur von 1972 – weiss Gott Anlass, uns zu fürchten vor dem, was kommen könnte. So brutal damals der Vietnamkrieg geführt wurde, gleichzeitig war die gesellschaftliche Erfahrung von wirkmächtigem Widerstand da. Und das Gefühl, dass jede Katastrophe ein Ende haben kann.
Bei den heutigen Bedrohungen, Krisen und Gewaltspiralen ist oft kein Endpunkt in Sicht. Die gesellschaftliche Lage lässt sich vielleicht mit der Erfahrung von traumatisierten Menschen, die keine Gewissheit haben, nicht weitere Traumatisierungen zu erleben, beschreiben. Diesen Vergleich macht etwa der Traumaspezialist Gabor Maté. Traumatisierte Menschen haben eine Chance auf Erholung und Heilung, wenn sie in einer sicheren, lebensfreundlichen Umwelt Therapie und Solidarität erfahren können. Wenn sie Vertrauen gewinnen, dass das Leiden zu einem Ende kommen oder zumindest gelindert werden kann. Wenn sie also nicht in einer Lebenswelt gefangen bleiben, in der sie weiterhin struktureller wie physischer Gewalt und damit immer neuen traumatischen Erfahrungen ausgesetzt sind. Nicht wie Kinder, die sexuellen Missbrauch erlitten haben und dem Einflussbereich der Täter nicht entfliehen können. Nicht wie Menschen mitten im Krieg, etwa im Sudan und in der Ukraine, oder Menschen in Gaza und auch in der Westbank, die zwar nicht mehr unter Bombenhagel und akuter Hungersnot leben, aber wissen, dass der eigentliche Plan ihre Vertreibung ist.
Dabei handelt es sich um «kontinuierlichen traumatischen Stress», wie der Fachbegriff heisst. Die Last bleibt unerträglich. Die Bedrohung nimmt kein Ende. In dieser Lage scheinen wir uns gerade als Gesellschaft zu befinden – auch in der Schweiz. Es versteht sich von selbst: Auf der individuellen Ebene ist die Situation eines geflüchteten und in der Türkei gefolterten kurdischen Aktivisten, der hier keinen sicheren Aufenthaltsstatus erhält, völlig anders als die Befindlichkeit einer Klimaaktivistin, die vom Hitzesommer 2026 gleichzeitig erschüttert und in ihrer politischen Haltung bestätigt wurde. Aber beide laufen Gefahr, dass ihre Energie von Abwehrkämpfen gegen übermächtige Strukturen aufgefressen wird.
In der westlichen Leistungsgesellschaft, Konkurrenzwirtschaft und im Big-Tech-KI-Turbo leiden viele Menschen unter Formen von kontinuierlichem Stress; manche werden zunehmend von Verlust-, Abstiegs- und Zukunftsängsten erfasst. Auf diesen Druck reagieren immer mehr mit dem Einlenken auf politische Konzepte, die sich in einem «Drang nach Härte» (Eva von Redecker) und in «Zerstörungslust» (Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey) ausdrücken. Wenn rechtsextreme Strukturen und faschistische Gewalt erstarken, löst dies wiederum bei vielen anderen Menschen das panikartige Gefühl aus, dass das alles so bald kein Ende mehr nimmt.
Wenn Traumata unsere gesamte Kultur durchdringen, wie Gabor Maté sagt, sollten wir uns mit ihnen auch nicht nur individuell auseinandersetzen. Mani Matter fand in einem anderen Lied, das er kurz vor seinem Tod schrieb, mit dem Bild der «gottvergessenen Städte» einen Ausdruck für Gesellschaften ohne genügend erfahrbaren kollektiv formulierten Sinn. Heute würden wir sagen: für ein Leben unter kontinuierlichem traumatischem Stress. Nicht behandelte Traumatisierung führt oft in die Einsamkeit, in ein Gefühl von Auswegslosigkeit, in die Erschöpfung.
Die Philosophin Eva von Redecker sagt, den Faschismus zeichne aus, dass er nie ganz enden werde. Denn er schreibe sich durch in Traumata weiterlebende Gewalt in die Menschheitsgeschichte und neu durch die irreparable Naturzerstörung auch in die Erdgeschichte ein. Menschen in erschöpftem Zustand sind verführbar, beherrschbar. Dann spielt sich Leben sich nicht nur in einem inneren Gefühl des andauernden Ausnahmezustandes ab, dann droht der Ausnahmezustand zur dauerhaften politischen Herrschaftsform zu werden.
Aber von Redecker skizziert auch eine «Anleitung zur Detraumatisierung: Wo undurchschauter Wiederholungszwang an den Schmerz fesselt, soll das Einholen von Erinnerung Freiheit wiederherstellen.» Wir können die Erinnerung wachhalten, dass Menschen immer wieder «planvoll transformativ» waren und sein können. Von Eva von Redecker auf den Punkt gebracht: «Wir arbeiten dafür, anders zu leben, besser zu leben.» Anders leben, eben nicht «von nichts anderem träumen», wie Mani Matter singt. Sein Refrain «Nei säget sölle mir vo nüt meh andrem tröime / Mir wo müesse läben i de gottvergässne Stedt» ist ein Aufruf zum Handeln, zum kollektiven Ausbruch aus einer nicht enden wollenden Gefangenschaft in einem scheinbar auswegslosen Labyrinth. Träumen von etwas anderem wird dann zum widerständigen Umgang mit Traumatisierung, mit permanentem traumatischem gesellschaftlichem Stress.
Wie – so könnten wir mit den Fragen von Eva von Redecker ans Werk gehen – sehen produktive Arbeit, Care-Arbeit und, angesichts der Traumata und der Zerstörungen, regenerative oder reparative Arbeit aus, wenn wir unsere Träume nicht vergessen, sondern beginnen, sie in die Realität umzusetzen?