Der erste Regen nach Wochen der Hitze fällt auf die Erde, als wären die Tropfen himmlische Tränen. Er fällt auf eine Erde, die gar nicht mehr geübt ist darin, das Wasser in sich aufzunehmen. Die Menschen um mich herum bleiben stehen. Wir spüren die Feuchtigkeit auf der Haut, riechen den Sommerregenduft. Oft habe ich in diesem Sommer gehört: «Die Welt ist aus den Fugen geraten!» Wenn dir durch die Hitze der Schlaf geraubt, das Denken zäh und das körperliche Arbeiten schwer gemacht wird, lässt dich die Hitze nicht mehr kalt. Im Rhein steht dir das Wasser an Orten, wo du früher schwimmen musstest, nur noch bis zum Hals. Der Ruf nach Klimaanlagen wird zum neuen Konsens. Und manche Engagierte spüren müdes Bedauern oder beissende Wut, dass ihr Ruf nach «Grenzen des Wachstums» seit dem Bericht des Club of Rome von 1972 in den weiten Wassern der Weltpolitik immer wieder ungehört verhallt ist. Vor 54 Jahren habe ich noch lange nicht gelebt, aber vor der Coronakrise habe ich mit zahlreichen Mitstreitenden Klimademonstrationen organisiert und mich am Paradeplatz in Zürich beim Protest gegen die klimaschädlichen Geschäfte der Banken verhaften lassen. Keine Heldentaten, aber ein Versuch, nicht tatenlos zu sein. Alles mit Wirkung, bestimmt. Aber offensichtlich war es nicht genug. Da ist nicht nur Trauer über die austrocknende Natur, sondern auch Trauer über eine verlorene Hoffnung: Wir können das Ruder allein nicht herumreissen. Wir sind jetzt jenseits der Hoffnung.
Im Haus der Elektronischen Künste in Basel besuche ich eine Ausstellung über Neue Rituale [für das Ende der Welt]. Apokalyptische Visionen und Visualisierungen verteilen sich in der weissen Ausstellungshalle. Die Diagnose ist klar: Systemkollaps. Der Wunsch nach Halt ist gross. Zum Festhalten und Begreifen darf man sich einen wohlriechenden Vulkanstein mitnehmen. Er duftet nach Geborgenheit und Aufbruch.
Ich spaziere über die Mittlere Brücke und höre Kindertränen. Ein Protestkollektiv steht am Strassenrand und lässt Kindergeschrei aus Lautsprechern über die heile Stadt erschallen. Ein verzweifelter Versuch, das Leid in Gaza hörbar zu machen. Einzelne Passant*innen schütteln den Kopf: Der Einbruch des Leids in unseren privilegierten Alltag ist ein Ärgernis. Mich beschämt die Konfrontation mit dem Schmerz in der Ferne. Lieber verdränge ich die Realität, als dass ich mich in der Tiefe mit dem Schmerz auseinandersetze. Andere müssen den Schmerz aushalten, ich habe die Wahl. Da trauere ich doch selbst schon um verloren gegangene Leichtigkeit in der Liebe oder mit den unter dem Alter müde werdenden Grosseltern – soll ich denn noch für die ganze Welt mittrauern? Ich schaue den Vorübergehenden in die Augen und frage mich: Worum trauerst du?
Im Pfarramt begegne ich dem vollen Leben: am Morgen dem über die Welt staunenden Täufling, am Nachmittag der mitten im Leben stehenden Theatergruppe und am Abend den Geschwistern, die um ihre verstorbene Mutter trauern. Das Leben ist da in seiner Fülle, und die Trauer gehört dazu. Mich beeindruckt und berührt die Stärke der trauernden Menschen. Sie sind da in ihrem Schmerz. Ihr Herz ist offen. Ein Trauergespräch ist immer am Puls des Lebens. Im Trauergottesdienst verbindet sich die einsame Trauer mit der Gemeinschaft der Anwesenden.
Einen Trauergottesdienst der anderen Art habe ich vor einigen Jahren an der Berner Heiliggeistkirche erlebt. Am Wochenende des Flüchtlingstags gedenken zahlreiche Menschen der unzähligen Geflüchteten, die auf ihrem Weg nach Europa umgekommen sind. Wenn man sie doch zu zählen versucht, dann sind es von 1993 bis 2026 über 72 000 Menschen.1 Wir trauern um sie, und die öffentliche Trauer wird zum Protest gegen den menschengemachten Tod in dieser Welt, gegen die menschenverachtende Politik der Festung Europa. Öffentliche Trauer gerade auch für Menschen, die namenlos gestorben sind. Die Anwesenden nennen sie beim Namen. Es ist nicht möglich, für die ganze Welt zu trauern, aber jeder Mensch ist es wert, betrauert zu werden.
Zur Golden Hour bricht die Sonne durch die Wolken. Ich setze mich auf eine Bank, das Wasser fliesst den Fluss hinab, und ich denke darüber nach, was all die Trauernden verbindet. Die ernüchterten Aktivist*innen, die ritualsuchenden Künstler*innen, die lauthals Protestierenden, die irritierten Passant*innen, die um die Mutter trauernden Geschwister und die Namenlesenden in der Heiliggeistkirche: Alle zeigen mit ihrer Trauer, dass ihnen etwas am Leben besonders am Herzen liegt. Wer trauert, hat das Leben lieb.
Ich gehe weiter, lasse mich treiben im Fluss, Wasser umgibt mich, und mir fällt noch eine zweite Gemeinsamkeit auf zwischen den Trauernden: Die Aktivist*innen suchen nach neuen Formen des Protests, die Künstler*innen erfinden neue Rituale, die Protestierenden stören die Ruhe in der Stadt, die Geschwister planen ein öffentliches Abschiednehmen von ihrer Mutter, und die Namenlesenden verbinden ihre Trauer mit politischen Forderungen. Die Trauer ist öffentlich, und sie ist mit öffentlichem Handeln verbunden. Natürlich gibt es auch eine andere, stille Trauer. Dafür stehen die Passant*innen, die gefragt werden müssen: Worum trauerst du? Aber Trauer kann öffentlich werden, kann zum öffentlichen Handeln führen. Und damit ist Trauer als Ausdruck der Liebe zum Leben immer auch Protest gegen die tödliche Macht der Gleichgültigkeit. Trauer hält daran fest, dass die Welt anders sein könnte. Sie wird auf diese Weise politisch und utopisch. Sie setzt Beziehung voraus und findet Gemeinschaft. Ich bin nicht allein in meiner Trauer. Du bist nicht allein in deiner Trauer.
Was ist das für eine Gemeinschaft der Trauer? Ist es Gemeinschaft auch mit Gott? In der antiken Philosophie begegnet uns das Bild des unbewegten Bewegers: eines Gottes, der alles in Bewegung setzt, der aber selbst von nichts bewegt wird. Auch in Teilen der christlichen Theologie findet sich das Bild eines apathischen Gottes: unveränderlich, unberührbar und frei von Leidenschaften. In der Bibliothek der Theologischen Fakultät Basel am Nadelberg finde ich zahlreiche Bücher zu diesem unerotischen Gott, der über allem schwebt. Doch mich interessiert ein Werk der praktischen Theologin Andrea Bieler, die über das verletzliche Leben schreibt.2 Sie macht deutlich, dass Gottesbilder nicht harmlos sind. Sie prägen, wie Menschen ihre Verletzlichkeit und ihre Krisen deuten.
Ich tauche mit Bieler in biblische Imaginationsräume ein, in denen zu Wort kommt, dass sich Gott berühren und bewegen lässt. Natürlich sind das vermenschlichende Bilder, aber sie können helfen, um das starre Bild des unberührbaren Gottes in Bewegung zu bringen. Gott ringt mit seinem Volk, sie kennt Reue, er wird zornig, sie handelt in Liebe und Freude.3
Und in Jesus Christus wird Gott leiblich und zum Mitmenschen. Jesus lebt, liebt und leidet. Er trauert auch: «Jesus weinte» in Johannes 11,35 um seinen lieben Freund Lazarus, der gestorben ist. Mit Jesus stehen wir am Grab des Lazarus. In seinen Tränen zeigt sich ein Gott, der sich vom Tod berühren lässt. «Jesus weinte», im Beisein seiner Nächsten, die auch alle weinen. Jesus weiss, dass Lazarus wieder leben wird. Er ruft ihn später selbst aus der Höhle heraus. Morgen wird alles gut! Aber jetzt ist der Moment, in dem die Welt aus den Fugen geraten ist: Ein geliebter Mensch ist tot. Jetzt ist der Moment zum Weinen. Ein Moment jenseits der Hoffnung. Hoffnung auf Zukunft hebt gegenwärtige Trauer nicht auf. Jesus weint – und dann handelt er. Gott erklärt Leid nicht weg. Sie tritt mit ins Leid hinein.
Mir fällt mal wieder ein mir lieber Gedichtband in die Hand. «dem herrn, unserem gott, hat es ganz und gar nicht gefallen»4, dichtet Kurt Marti in seinen Leichenreden über den Tod, der die Lebendigen aus dem Leben reisst. Unsere Tränen sind ein Protest gegen den Tod in dieser Welt. Gott steht auf der Seite der Trauernden. Auch dann, wenn sie vor verschlossenen Kirchentüren stehen. Und in Jesus finden wir Gott, der die Tränen mitweint und den Protest mitträgt. Später steht Jesus selbst auf gegen den Tod.
Auf den Spaziergängen durch Bern und Basel habe ich menschliche Tränen entdeckt. Sie drücken die Liebe zur Welt aus und verbinden die Weinenden in tätiger Gemeinschaft. Die Menschen verbinden sich in der Trauer, sie finden einander, trösten sich und werden aktiv. Ihr Ziel ist es nicht, die Trauer zu überwinden und hinter sich zu lassen, sondern aus der Trauer heraus tätig zu werden. Die Trauer gehört zu uns Menschen. Und indem die Trauer öffentlich wird, wird sie politisch. Sie wird zum Zeichen: Da ist etwas, das uns wichtig wird. Und wir sind nicht bereit, es aufzugeben, ohne dafür einzustehen.
Und jenseits der Hoffnung? Wenn uns unsere Tränenhandlungen nur noch selbst zu Tränen rühren? Wenn die Proteste sinnlos erscheinen und jeder Ruf ungehört verhallt? Dann bleiben nur noch Tränen und Erschöpfung. Trauer heisst nicht, dass ich an einen guten Ausgang glaube. Sie braucht keine Garantie auf ein Wunder. Wer trauert, sagt zunächst nur: Das hier ist mir nicht gleichgültig. Das Klima ist mir nicht egal. Dieser Krieg ist mir nicht egal. Dieser Tod ist mir nicht egal. Und genau darin liegt die Kraft verborgen. Indem ich trauere, weigere ich mich, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Und dann weint Gott mit, so glaube ich. Gerade mit den einsam und verloren Trauernden. Wir finden nicht nur bei Jesus am Grab des Lazarus himmlische Tränen. Tränen, die unsere Tränen um die brennende Erde, die dystopische Zukunft, den Genozid in Gaza, die verstorbene Mutter und die Ertrunkenen auf der Flucht in sich tragen. Ich glaube: Unsere Trauer wird getragen in den Tränen Gottes. Unsere Tränen gehen bei Gott nicht verloren. Gott lässt sich vom Leid berühren.
Abends nach Sonnenuntergang sitze ich mit einer Freundin im Sommerregen am Theaterplatz in Basel. Ich erzähle ihr von Trauer und wir reden über Dorothee Sölle, die viel über die Tränen des Leidens nachgedacht und geschrieben hat.5 Die Theologin Sölle schreibt: «Mit ‹dem eigenen Schmerz dem Schmerz Gottes dienen› ist ein Akt, in dem das Leiden aus seiner Privatheit herausgeführt wird und Menschen sich solidarisieren.»6 Wenn du deiner Trauer Raum gibst, zeigst du nicht nur deine Liebe zum Leben und leistest damit Widerstand gegen das Lebensfeindliche, sondern du stehst auch zu deinem Innersten, zu deiner Liebe. Du verbindest dich in Solidarität mit allen Mittrauernden. Und so leistest du mit deinem Schmerz Dienst am Schmerz Gottes.
Wir hören die Himmelstränen im Tinguely-Brunnen plätschern, fühlen uns miteinander und mit Gott verbunden. Wir bedauern es, dass wir Dorothee Sölle nicht mehr erlebt haben. 2003 ist sie gestorben, ihre Worte leben weiter. In der Predigt zum Trauergottesdienst für Sölle am 5. Mai 2003 zitiert Bärbel Wartenberg-Potter ein Gedicht von Sölle:
«Gib mir die Gabe der Tränen
Gib mir die Gabe der Sprache
Gib mir das Wasser des Lebens»
Sölle betet. Sie bittet Gott um Tränen, um Sprache und um das Wasser des Lebens. In den Tränen lasse ich mich berühren. Die Tränen verwandeln sich in Worte und bringen die Trauer zur Sprache. Und die Worte führen zum Wasser des Lebens. Was mich zum Weinen bringt, soll nicht sprachlos bleiben, sondern lebendig sein. Lebendiges Wasser. Und draussen regnet es noch immer himmlische Tränen. ●
Vgl. Andrea Bieler: Verletzliches Leben. Horizonte einer Theologie der Seelsorge. Göttingen 2017.
Ebd., S. 78–82.
Kurt Marti, Leichenreden. Neuwied 1969, S. 22 f.
Vgl. Dorothee Sölle: Leiden. Stuttgart 1989.
Ebd., S. 61.
*1997, ist reformierter Pfarrer in Rheinfelden und Psychologiestudent an der Universität Basel. Er schreibt auch für die Bolderntexte und engagiert sich aus einem weltoffenen Glauben heraus für Klimaschutz und eine menschenfreundliche Politik. ref-rheinfelden.ch/jonas.meier