Von irdischer und himmlischer Sexualität

Luana Sara Hauenstein, 24. März 2025
Neue Wege 2.25

Welche Rolle spielen unsere Beziehungen, auch über den Tod hinaus? Gibt es so etwas wie himmlische Sexualität? Queer-theologische Ansätze regen zur Enttabuisierung von sexuellen Erfahrungen im christlichen Diskurs an.

Am Anfang, am Ende und zwischen den Zeilen des Artikels Von irdischer zu himmlischer zu irdischer Sexualität, erschienen im Sammelband Queere Theologie. Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum1, stehen Menschen. Zu ihnen gehören die eigenständigen Berner Theologiestudent*innen, die sich im Herbst 2019 zum ersten Mal trafen, um queer-theologische Texte zu lesen. Wir wollten von den Fragen und Ansätzen queerer Theolog*innen lernen und sie gemeinsam weiterdenken. Unser Interesse, welches auch in einige Masterarbeiten mündete, wurde von der Theologischen Fakultät in Bern wahr- und ernst genommen.

Im Frühlingssemester 2022 fand eine Ringvorlesung unter dem Titel Queer Theology – eine andere Art von Theologie entdecken?! statt. Die Beiträge aus den unterschiedlichen theologischen Fachdisziplinen wurden schliesslich im Sammelband veröffentlicht. Es freut mich, dass ich als Mitglied der queer-theologischen Lesegruppe selbst einen Beitrag für den Sammelband verfassen und so zur Vielfalt des Bandes beitragen durfte.

Unter dem etwas provokativen Titel Von irdischer zu himmlischer zu irdischer Sexualität2 beschäftige ich mich mit der Frage, welche Gestalt unsere diesseitig gelebten Beziehungen über den Tod hinaus haben werden. Ich tue dies, indem ich drei verwegen anmutende Entwürfe vorstelle, die auch fragen, ob und wie Sexualität im Eschaton – griechisch das Letzte/Ende, als Begriff für das, was nach dem Tod erhofft wird – gelebt wird. Dabei greifen die Autor*innen auf gegenwärtige sexuelle Erfahrungen zurück, um über jenseitige Sexualität zu spekulieren und davon ausgehend nach Erkenntnissen für die Gegenwart zu fragen.

Himmlische Orgien

Diese Bewegung von Diesseits zu Jenseits zu Diesseits ist für die Eschatologie – die Lehre von den letzten Dingen – typisch. Weil es vor allem präsentischer Eschatologie nicht um Weltflucht geht, sondern auch nach hoffnungsstiftenden Motiven und Orientierung für die Gegenwart gesucht wird. Damit verbunden sind auch existenzielle Fragen nach Gerechtigkeit und Anerkennung: Welche Lebensrealitäten und Beziehungsformen sind würdig genug, um als Metapher fürs jenseitige Leben dienen zu können?

Alle drei von mir vorgestellten Entwürfe tendieren zu promiskuitiven, polyamoren Metaphern bis hin zu Vorstellungen von himmlischen Orgien, wenn sie Beziehungen im Eschaton imaginieren. Sie denken Sexualität fernab von binären Normen und begründen dies von ­Gottes grenzenloser Liebe her. Gottes Liebe strebt nicht nach Bedürfnisbefriedigung, sondern nach tiefer Verbindung und lässt sich nicht einmal durch Beziehungsgrenzen begrenzen. Auch wenn die Entwürfe mehr oder weniger bewusst provozieren, indem sie von einem polyamoren Himmel und Orgien sprechen, stehen dahinter die existenzielle Sehnsucht nach ganzheitlicher Verbindung und die Hoffnung auf Anerkennung diesseitig gelebter Beziehungen über den Tod hinaus.

Mit Ansätzen, die sich von gelebter Sexualität inspirieren lassen, sind Vor- und Nachteile verbunden. Einerseits stellen sie wenig beachtete und marginalisierte Lebensrealitäten ins Zentrum, andererseits haben sie mit der Schwierigkeit umzugehen, dass gerade sexuelle Erfahrungen von Versagen und Gewalt durchzogen sein können. Die drei Entwürfe gehen unterschiedlich mit diesen Schwierigkeiten um. Einer der Entwürfe traut der Metapher der himmlischen Orgie so wenig Gegenwartsrelevanz zu, dass er doch wieder die monogame (eheliche) Paarbeziehung ins Zentrum stellt. Dabei unterschlägt der Entwurf, dass diese Paarbeziehungen ebenso von missbräuchlichem Charakter sein können wie polyamore Verbindungen. Dafür sprechen insbesondere Zahlen zu sexuellen und sexualisierten Gewalt­erfahrungen im häuslichen Umfeld.

Insgesamt berücksichtigen alle Entwürfe Gewalterfahrungen kaum oder handeln sie mit der Hoffnung auf Heilung vorschnell ab. Eine meiner Schlussfolgerungen ist deshalb, dass es wesentlich ist, Gewalterfahrungen überhaupt erst zu thematisieren. Weiter ist es mir wichtig, dass Sexualität aus der vermeintlichen Privatsphäre und Anonymität befreit werden und mit einer spielerischen Auseinandersetzung entskandalisiert und enttabuisiert werden sollte – besonders auch im christlichen Diskurs. Deshalb erweitere ich am Ende meines Beitrags das Feld der eschatologischen Metaphern um eine weitere Metapher: Beziehungsanarchie.

Nicht begrenzte Liebe

Zentral für Beziehungsanarchist*innen ist gemäss der schwedischen Journalistin Andie Nordgren3 ein Verständnis von Liebe, die sich vielfältig ausdrückt und nicht auf eine oder einzelne Person(en) begrenzt ist. Die fundamentale Nichtbegrenztheit der Liebe zeigt sich mitunter daran, dass Beziehungsanarchist*innen unterschiedliche Beziehungsformen nicht qualifizierend ordnen. Das heisst, dass beispielsweise nicht per se qualitative Unterschiede zwischen sexuellen Beziehungen und Freund*innenschaften gemacht werden. Insgesamt werden Beziehungen nicht über Sexualität definiert. Wesentlich für alle Beziehungen ist eine offene und vertrauensvolle Kommunikation gemeinsamer Werte, persönlicher Bedürfnisse und Grenzen. Beziehungsanarchist*innen wenden sich schliesslich auch gegen Beziehungsnormen wie Heterosexualität. Sie tun dies jedoch nicht, um die Liebe heterosexueller Paare, sondern um die Normsetzung dieser Paarbeziehungen zu kritisieren. Für mich ist Beziehungsanarchie deshalb eine passende eschatologische Metapher, weil in ihr die fundamentale Grenzenlosigkeit der Liebe betont und Beziehungen in allen Formen wertgeschätzt werden. Die Betonung von nicht begrenzter Liebe knüpft an Vorstellungen von Gottes grenzenloser Liebe an und die Wertschätzung aller Beziehungen erweitert eschatologische Vorstellungen. «In einem beziehungsanarchischen Eschaton hätte Sexualität genauso Raum wie Asexualität, weil Beziehungen eben weiter oder umfassender definiert werden. Dies würde schliesslich auch menschliche Grenzen wahren, denn das Wahren und Kommunizieren von Grenzen scheint mir für (sexuelle) Beziehungen essenziell. Gerade weil und wenn Liebe individuell ist und (sexuelle) Beziehungen gegenwärtig von Grenzverletzungen und Gewalt­erfahrungen durchzogen sein können, ist es wesentlich, eigene und fremde Grenzen zu kennen und zu wahren. Ausserdem scheint mir die Betonung der offenen und vertrauensvollen Kommunikation eine hilfreiche Möglichkeit im Umgang mit allgemeinen, aber auch mit verletzenden Erfahrungen in Beziehungen zu sein.»4 Deshalb schliesse ich wie im Beitrag im Sammelband mit den Worten aus dem Hit der US-­amerikanischen R&B- und Hip-Hop-Band Salt ’n’ Pepa:

«Let’s talk about sex, baby.
Let’s talk about you and me.
Let’s talk about all the good things
and the bad things that may be. […]
Let’s tell it how it is and how
it could be.
How it was and of course how
it should be.»5

  1. Lara A. Kneubühler, ­Miriam Löhr (Hrsg.): Queere Theologie. Perspektiven aus dem deutsch­sprachigen Raum. ­Bielefeld 2024. Frei herunter­ladbar: www.transcript-open.de/isbn/7338.

  2. Luana Sara Hauenstein: Von irdischer zu ­himmlischer zu irdischer Sexualität. In: Ebd. S. 241–256.

  3. Das Verständnis der Beziehungsanarchie wurde von Andie Nordgren geprägt. Eine Einführung liefert: Andie Nordgren: The short instructional manifesto for ­relationship anarchy, 2012, verfügbar unter: log.andie.se/post/26652940513/the-
    ­short-instructional-manifesto-for-relationship
    .

  4. Hauenstein: Von irdischer zu himmlischer zu ­irdischer Sexualität, S. 254.

  5. Salt ’n’ Pepa: Let’s Talk About Sex, von: Hurby Azor (Komponist/Produzent): Blacks’ Magic. London Records 1990.

  • Luana Sara Hauenstein,

    (sie/ihr), *1994, ist neues Redaktionsmitglied der Neuen Wege und arbeitet als Assistentin und Doktorandin am Institut für Systematische Theologie (Bereich Ethik) an der Universität Bern. Sie forscht und lehrt im Bereich feministischer und queerer Theologien.