Zurzeit schlafe ich nicht gut. Meine Frau sagt, das sei die Schilddrüse. Vielleicht. In meinen unruhigen Träumen verfolgen mich wahlweise Neonazis, islamistische Terroristen oder menschengemachte Naturkatastrophen. Manchmal ist es auch das alltägliche Hamsterrad – Badputzenrechnungbezahlensteuererklärungausfüllen –, das mich wach hält. All das Wachliegen, Grübeln und Googeln macht mich aktuell zu einem sehr unproduktiven Mitglied dieser kapitalistischen Gesellschaft. Und leider auch zu einem wenig hoffnungserfüllten jeglicher Widerstandsbewegung. Auslöser für Albträume gibt es viele. Der unverkennbare Hitlergruss bei der Amtseinführung des altenneuen US-Präsidenten beispielsweise. Oder die Unfähigkeit der hiesigen Medien, diese «Geste» Hitlergruss zu nennen. Die Bilder des zerstörten Gazastreifens. Die Feuer in Kalifornien.
Oder ganz konkret und etwas näher: Die von den Journalistinnen Barbara Achermann und Anja Conzett kürzlich im Magazin veröffentliche umfangreiche Recherche zu einem mutmasslich rechtsextremistischen Brandanschlag in Chur im Jahr 1989. Murali und Mugunthan. So hiessen die beiden tamilischen Kinder, die bei dem Brandanschlag getötet wurden. Mit ihnen ein Teenager und ein junger Mann. Die Täter wurden nie gefasst, die Spuren – obwohl mit Neonazi-Bekennerschreiben und vielen Indizien ziemlich eindeutig – wurden nie verfolgt. Murali und Mugunthan. Seit ich die Recherche über den Brandanschlag gelesen habe, vergesse ich ihre Namen nicht mehr. Sie fallen mir ein, wenn ich im Bus sitze und tamilische, eritreische, türkische, syrische Kinder sehe. Wenn ich ein Martinshorn höre. Wenn ich einschlafe oder nachts aufwache. Natürlich, was haben Murali und Mugunthan denn mit mir zu tun? Was soll das, mich davon so sehr betreffen zu lassen, wo bleibt die gesunde Abgrenzung? Aber diese Recherche erzählt nicht nur die Geschichte eines furchtbaren Einzelfalles. Sie erzählt vielmehr von der systematischen Verdrängung von Rechtsextremismus und Rassismus in der Schweiz, tief eingeprägt in Institutionen, Parteien, Personen und in Narrative, die wir über uns und dieses Land erzählen. Anders als Solingen, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Hoyerswerda in Deutschland stehen Chur, Fribourg, Thun nicht sofort exemplarisch für Schauplätze rassistisch motivierter Gewalt und eine entsprechende, wenn auch umkämpfte, Erinnerungskultur daran. Keine Tafeln, keine Strassennamen, keine Mahnmale. In der Schule habe ich nie von der Gewalt gehört, die in den Jahren rund um meinen Jahrgang herum in der Schweiz verübt wurde – obwohl eine Rundschau aus dem Jahr 1994, nachzuschauen im SRF-Archiv, von über 350 «gravierenden rassistischen Anschlägen» innerhalb von fünf Jahren spricht. «Zwischen 1988 und 1993 wurden dreizehn Menschen getötet, 145 Personen verletzt. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bevölkerungsgrösse war die Zahl der Toten durch rechtextreme Gewalt damals in der Schweiz höher als in Deutschland», ist in einer Studie von 2010, herausgegeben von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes und verfasst von Rechtsextremismusforscher Damir Skenderovic, nachzulesen. Die Antirassismus-Strafnorm tritt erst 1995 in Kraft, mit nur knapp 55 Prozent Ja-Anteil bei der Referendumsabstimmung. Wo ist das öffentliche Bewusstsein für diesen Teil von Schweizer Geschichte, wo sind die Wiedergutmachungen?
Wenn ich ins Archiv der Neuen Wege schaue, zeigt sich, dass diese die rassistische Stimmungsmache insbesondere gegenüber tamilischen Geflüchteten Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre kritisch begleiteten und Aufklärungsarbeit zu Rassismus und Rechtsextremismus zu leisten versuchten. Es erschienen Predigten, Interviews, Essays. Der Ton ist deutlich und veranschaulicht, wie sehr die Fremdenfeindlichkeit Mainstream war: «Über die Tamilen wird nicht diskutiert, sondern nur festgestellt. Wer sich ausserhalb dieses Konsenses stellt, ist kein Mensch mehr.» Auch erscheint 1989, im Jahr des Anschlags in Chur, ein ausführlicher Artikel des Journalisten Jürg Frischknecht, der zu Rechtsextremismus forschte und dessen Bücher nun auch für die Magazin-Recherche als Quelle gedient haben. Er analysiert nicht nur Netzwerke, Themen und konkrete Fälle, sondern er nennt auch Namen von Gründern und Exponenten rechtsextremer Gruppierungen. In schlaflosen Nächten google ich diese Namen. Wenige Klicks führen zu der so erschreckenden wie wenig überraschenden Gewissheit: Wenn sich die rechtsextreme Vergangenheit dieser Personen bereits bei nächtlichen Google-Suchen nachvollziehen lässt, müssten auch Vorgesetzte, Kolleg*innen, Medien und die Öffentlichkeit darum wissen … Aber sie scheint für viele dieser Exponenten kaum negative Konsequenzen gehabt zu haben. Wäre hier nicht eine journalistische Recherche und öffentliche Kritik nötig? Aber was würde es ändern?
Jürg Frischknecht betont trotz mancher politischer Erfolge seiner, wie er es nennt, «enthüllenden, anprangernden Publizität», dass diese eine Problematik befördere: Sie exponiert Einzelpersonen und suggeriert damit, es liesse sich «eine scharfe Trennlinie zwischen ‹faschistisch› und ‹nicht faschistisch›» ziehen und wir könnten «ein paar Sündenböcke der Nation anprangern, damit das Phänomen Faschismus als überwunden und ausgemerzt ad acta gelegt werden kann. Motto: Das war einmal, das kommt nicht wieder.» Die Zeit gab ihm in überwältigender Weise recht: Nie waren es nur einzelne Exponent*innen, deren rechtsextreme Gesinnung angeprangert werden könnte. Die aktive Verdrängung von Rassismus und Rechtsextremismus in der Schweizer Geschichte bereitet den Boden für den Rassismus und Rechtsextremismus heute: Die Grenzen des Sagbaren sind ausgedehnt, die Rhetorik der Angst hat gegriffen, Rechtsextreme konnten sich als seriöse Gesprächspartner*innen positionieren, der Resonanzraum für rechtes Gedankengut ist denkbar weit, und die Themen und Narrative sind von rechts gesetzt.
Ja, zurzeit schlafe ich nicht gut. Vielleicht ist es die Schilddrüse. Schlaflos wühle ich mich durch Franziska Schutzbachs Buch Rhetorik der Rechten. Um besser zu verstehen. Um nicht zu verdrängen. Wegen Murali und Mugunthan.