Was unter­scheidet den Mann vom Monster?

Natalia Widla, 22. April 2026
Neue Wege 3.26

Ob Epstein oder Pelicot: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen wird oft als schrecklicher Ausbruch einzelner enthemmter Männer wahrgenommen. Aber gewaltvolle Männlichkeit ist nicht im individuellen Wesen angelegt, sondern eine strukturelle Position. Welche Anspruchs­haltungen von Männern gegenüber Frauen bringt sie hervor – und was geschieht, wenn dieser Anspruch auf Umsetzungs­möglichkeit trifft?

 

In meinem professionellen Leben habe ich mich bisher vor allem mit einer spezifischen Ausprägung von Männlichkeit beschäftigt: gewaltvoller Männlichkeit. Ich habe über Männergewalt an Frauen geschrieben, über häusliche Gewalt, über sexualisierte Gewalt, über Täterstrategien, über Diskurse der Verharmlosung. Ich habe mit vielen Opfern männlicher Gewalt gesprochen und mit einigen Tätern. Vielen weiteren habe ich vor Gericht zugehört.

Ehrlich gesagt hätte ich mir vor diesem Hintergrund gewünscht, diesen Essay zum Thema Männlichkeit entsprechend einmal nicht mit dem Fokus auf Gewalt schreiben zu müssen. Doch nach den Veröffentlichungen rund um die sogenannten «Epstein Files», nach dem Prozess gegen Dominique Pelicot in Avignon, nach all den Incel­-Attentaten1 der letzten Jahre, nach der Flut von durch Männer erstellter Deepfake-­Pornografie2, Dutzenden aufgeflogenen Chats zu chemischer Unterwerfung3, nach der Wiederwahl eines Sexualstraftäters als Präsident der militärisch einflussreichsten Nation der Welt, nach Jahren und inmitten politischer Regression und misogynen Backlashs (um nur einen Bruchteil zu nennen) erscheint es mir unmöglich, über Männlichkeit zu schreiben, ohne über ihre gewaltvollen Verdichtungen zu sprechen. Denn gewaltvolle Männlichkeit ist kein privates Inneres, kein ausschliesslich männlicher Erfahrungsraum. Gewaltvolle Männlichkeit ist eine gesellschaftliche Struktur. Sie organisiert Beziehungen, Institutionen und Machtverhältnisse. Sie bestimmt, wer spricht und wer schweigt, wer begehrt und wer begehrt wird, wer schützt und wer geschützt werden muss  oder nicht geschützt wird. Gewaltvolle Männlichkeit ist nicht nur etwas, das Männer betrifft. Sie betrifft uns alle.

Ich hoffe aufrichtig, dass wir irgendwann einen Diskurs über Männlichkeit werden führen können, ohne zuerst Männlichkeit und gewaltvolle Männlichkeit (das Wort toxisch möchte ich meiden, es scheint abgenutzt) auseinanderzudividieren. Dass ich einen Text über Männlichkeit voller positiver Bezugnahmen schreiben kann. Ich wünsche mir, dass dieser Tag kommt  aber momentan bewegen wir uns mit Vollgas in die entgegengesetzte Richtung.

Seit dem Erscheinen unseres zweiten Buchs Niemals aus Liebe  Männergewalt an Frauen werden meine Co-Autorin Miriam Suter und ich immer wieder gefragt, «was das für Männer seien», die zu Gewalt- oder gar Femizidtätern werden. Wer denn genau gemeint sei, wenn von gewaltvoller Männlichkeit die Rede ist, oder anders ausgedrückt: Was unterscheidet den Mann vom Monster? Neben den vorgängig erwähnten schrecklichen, öffentlich bekannt gewordenen Auswüchsen gewaltvoller Männlichkeit offenbart besonders diese letzte Frage ein Phänomen, welches im öffentlichen Diskurs gerade wieder Hochkonjunktur ge­­niesst  eine diskursive Abgrenzung, die letztendlich der gewaltvollen Männlichkeit den Rücken stärkt: Es wird sortiert. Die guten Äpfel von den schlechten. Die normalen Männer von den Monstern. Die, auf die man mit dem Finger zeigt, von denen, die mit dem Finger zeigen  und sich dadurch moralisch erhöhen. «Das hat nichts mit uns zu tun.» «Das sind kranke Einzelfälle.» «Das ist Monstrosität, nicht Männlichkeit.» Und so weiter. Später mehr hierzu.

Gewaltvolle Eskalationen wie im Fall von Jeffrey Epstein oder Pelicot sind keine pathologischen Ausnahmen ausserhalb der Gesellschaft. Sie sind extreme Verdichtungen einer strukturellen Logik, die in hegemonialer Männlichkeit angelegt ist. Diese Logik beruht auf zwei Faktoren  einer Anspruchshaltung und Möglichkeiten von Männern  und sie vertraut auf einen diskursiven Trick, das «Monsternarrativ».

Das Gefühl des Berechtigtseins

Anspruchshaltung beschreibt das Gefühl, berechtigt zu sein. Berechtigt zu Aufmerksamkeit, zu Sexualität, zu Gehorsam, zu emotionaler Versorgung, zu Zugriff. Ein wohl vielen Frauen allzu bekanntes, alltägliches Beispiel zur Verdeutlichung: Eine Frau fährt im Bus nach Hause. Ein fremder Mann setzt sich zu ihr, beginnt ein Gespräch. Die Frau nimmt die Kopfhörer nicht aus den Ohren, winkt ab, irgendwann signalisiert sie deutlich, dass sie gerade kein Gespräch wünsche. Der Mann macht weiter, redet auf sie ein. Irgendwann kippen seine Bemühungen in Frustration, dann in Wut. Mit einem lauten «Du hässliche Schlampe» wechselt er den Sitz oder verlässt den Bus  im besten Fall.

Diese Anspruchshaltung wiederum entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist tief eingebettet in das, was die australische Soziologin R. W. Connell als hegemoniale Männlichkeit beschrieben hat: ein kulturelles Ideal von Männlichkeit, das Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit, sexuelle Aktivität, emotionale Härte und Überlegenheit über Frauen und andere, unterlegene Formen von Männlichkeit privilegiert. Hegemoniale Männlichkeit bedeutet entsprechend nicht, dass jeder Mann dominant ist. Aber sie definiert ein Normzentrum. Und dieses Normzentrum enthält ein implizites Versprechen: Wer sich männlich genug verhält, dem steht etwas zu. Dieses «Zustehen» ist der Kern der Anspruchshaltung. It’s a man’s world. Und in dieser Welt ist eine Anspruchshaltung nichts, wofür Mann sich schämen müsste, sondern logische Konsequenz.

In gewisser Art und Weise ist die Anspruchshaltung also die Vorform von Gewalt  und zwar dann, wenn sie über die Bedürfnisse, Rechte und Grenzen anderer Menschen  meist Frauen und queerer Personen oder aber stark marginalisierter Männer  gesetzt wird, etwa über das Bedürfnis nach körperlicher Autonomie und Unversehrtheit, nach Ruhe und nach Zustimmung und (deren) Rückzugsmöglichkeiten. Anders ausgedrückt: Gewalt ist kein notwendiges Ergebnis einer Anspruchshaltung, aber wenn Empathie fehlt, Selbstregulation versagt und die Anspruchshaltung stark ausgeprägt ist (was dann mit Misogynie Hand in Hand gehen kann), ist Gewalt eine logische Konsequenz  sofern eine Möglichkeit besteht.

Macht, Geld, Gelegenheit

Möglichkeit möchte ich entsprechend neben Anspruch die zweite Komponente nennen, die gewaltvolle Männlichkeit hervorbringt: Möglichkeit kann Geld sein. Institutionelle Macht. Politischer Einfluss. Soziale Vernetzung. Aber auch Anonymität, digitale Plattformen, Gruppendynamik, Kontrolle in den eigenen vier Wänden. Und manchmal ist Möglichkeit auch einfach Opportunität.

Im Fall Epstein war Möglichkeit in einem extremen Mass vorhanden. Jeffrey Epstein war ein vermögender Finanzier mit engen Kontakten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Adel. Über Jahre hinweg baute er ein System auf, in dem minderjährige Mädchen rekrutiert, sexuell ausgebeutet und weitervermittelt wurden. Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen legen nahe, dass diese Ausbeutung systematisch organisiert war. Epstein nutzte seinen Reichtum, um junge Frauen und Mädchen finanziell abhängig zu machen, um sie einzuschüchtern, um ihre Familien zu beeinflussen. 2008 erhielt er einen umstritten milden Deal mit der Staatsanwaltschaft in Florida, der ihm trotz zahlreicher Vorwürfe nur eine kurze Haftstrafe unter privilegierten Bedingungen einbrachte.

Jeffrey Epstein hegte eine extreme An­spruchshaltung  und er hatte die Mittel, diese in die Tat umzusetzen, was in ein System mündete, welches von aussen betrachtet fast wie die Persiflage organisierter, sexualisierter Gewalt wirkt.

Im Fall von Dominique Pelicot ist die soziale Ausgangslage eine andere  aber auch dieser Fall verdeutlicht, welche Gewalt möglich wird, wenn Anspruchshaltung auf Möglichkeit trifft. Dominique Pelicot betäubte seine Ehefrau Gisele über Jahre hinweg mit Medikamenten, filmte die Vergewaltigungen und lud andere Männer über Online-Plattformen dazu ein, sich ebenfalls an ihr zu vergehen. Dutzende Männer aus allen sozialen Schichten nahmen teil. Dominique Pelicot und 50 weitere Männer wurden 2024 in Avignon vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen zwischen 3 und 20 Jahren verurteilt. Im Gegensatz zu Jeffrey Epstein fehlten Pelicot am Ende die finanziellen und politischen Machtmittel, um der juristischen Verfolgung zu entgehen, was verdeutlicht, dass Macht und Möglichkeit nicht absolut, sondern graduell sind und dass eine bestehende Anspruchshaltung auch über Lücken in der Machbarkeit hinwegtragen kann: Im Fall des Pensionärs Dominique Pelicot war die Möglichkeit nicht ökonomische Weltmacht, sondern intime Kontrolle. Möglichkeit beschreibt im Fall Pelicot vor allem das tiefe Vertrauen, das Gisèle Pelicot ihrem Ehemann entgegenbrachte, die soziale Gemengelage mit Zweipersonenhaushalt, den Zugang zu notwendigen Medikamenten und die technischen Mittel und das Know-how zur Rekrutierung der anderen Täter  bei denen die eigene Anspruchshaltung wiederum auf Möglichkeiten traf, die in diesem Setting von Dominique Pelicot erschaffen wurden.

Das Monsternarrativ als Entlastungsstrategie

Sowohl bei Epstein wie auch bei Pelicot zeigt sich beispielhaft, aber keinesfalls exklusiv: Gewaltvolle Männlichkeit tritt dort zum Vorschein, wo eine ausgeprägte männliche Anspruchshaltung auf Möglichkeiten und reale Umsetzungsbedingungen trifft. Die Gewalt, die daraus resultieren kann, wirkt aber oftmals so befremdlich und extrem, dass sie nicht anders zu erklären ist als durch die bereits genannte Monstrosität. Vermeintliche Monstrosität schafft Verfremdung  und zieht aus der Verantwortung. Das Monsternarrativ betont den Extremfall  und bewahrt vor einer Auseinandersetzung damit, dass gewaltvolle Männlichkeit ein Teil von Männlichkeit ist und kein Extremfall.

Die zentralen Elemente des Monsternarrativs sind Pathologisierung und Othering: Wer so handelt wie Epstein oder Pelicot, muss krank sein, abweichend und nicht «wie wir». Gerade in der Berichterstattung zu Epstein lässt sich wunderbar nachzeichnen, wie dieses Monsternarrativ nicht nur dankend bedient, sondern auch fortlaufend ausgebaut wird: Nicht nur sollen Frauen und Kinder vergewaltigt worden sein, die Rede ist auch von Menschenopfern, Kinderblut und satanischen Ritualen  fast so, als reiche systematischer Missbrauch an sich nicht mehr aus, um (gerechtfertigte) Empörung zu erzeugen.

Die Kulturwissenschaftlerin Sabine Sielke schreibt in diesem Kontext vom «Othering der sexuellen Gewalt»: Vergewaltiger sind immer die anderen. Diese Konstruktion schafft Sicherheit. Wenn Täter immer im Aussen verortet werden, müssen wir unsere Beziehungen, Familien und Gemeinschaften nicht hinterfragen, dann müssen wir uns nicht mit Anspruchshaltung und deren Umsetzung auseinandersetzen, sondern lediglich die faulen von den gesunden Äpfeln trennen. Doch was ist, wenn Gewalt eben nicht das Ergebnis von Monstrosität ist, sondern sich dann ergibt, wenn Anspruch auf Möglichkeit trifft, wenn es die Möglichkeit ist, die einen vermeintlich gesunden Apfel mit leicht misogynem und selbstgerechtem Einschlag schliesslich faul werden lässt?

In einer Untersuchung der University of North Dakota gaben 31,7 % der befragten männlichen Studierenden an, sie würden eine Frau zum Sex zwingen, wenn sie sicher keine Konsequenzen zu befürchten hätten. Wurde das Wort «Vergewaltigung» explizit verwendet, sank der Anteil auf 13,6 %. Das Label «Vergewaltiger» (monströs) wird abgelehnt, das Verhalten (der Anspruch auf sexuelle Zuwendung) jedoch nicht zwingend. Fehlt also nur noch die Möglichkeit zur Umsetzung.

Penis abschneiden

Die beschriebenen Wirkungsweisen sollen nicht aussagen, dass jeder Mann ein Sexualstraftäter ist. Aber sie sollen verdeutlichen, dass viele Männer innerhalb einer hegemonialen Struktur sozialisiert werden, die Anspruch normalisiert. Und dass unter Bedingungen ausreichender Möglichkeit  Macht, Geld, Straflosigkeit, politische Kontakte, blindes Vertrauen  diese Anspruchshaltung in Gewalt ausgelebt werden kann. Die radikale Konsequenz dieser Erkenntnis ist unbequem: Gewalt gegen Frauen ist kein Betriebsunfall und kein ungewollter Beifang des Patriarchats. Sie ist eine der zentralen Funktionsweisen dieses Machtsystems, das seinerseits die hegemoniale Männlichkeit hervorbringt und gleichzeitig auf ihre Funktionsweise angewiesen ist, um zu bestehen.

Wir dürfen uns keine Illusionen machen: Die männliche Anspruchshaltung zu überwinden ist eine kulturelle Mammutaufgabe. Sie erfordert die Demontage hegemonialer Männlichkeitsnormen, die Entkopplung von Männlichkeit und Dominanz, die radikale Neubestimmung von Sexualität jenseits von Zugriff und Eroberung und vieles mehr. Wenn Anspruch also kulturell, gesellschaftlich und politisch produziert wird, müssen Möglichkeiten strukturell verwehrt werden. Denn Tausende Jahre Patriarchat zeigen: Appelle an Empathie allein haben Männergewalt nicht beendet. Liebe hat sie nicht beendet. Auch Aufklärung hat sie nicht beendet. Macht, Straflosigkeit, institutionelle Protektion, die Unantastbarkeit des Privaten  all diese ermöglichenden Momente müssen politisch und zivilgesellschaftlich angegangen und letztendlich begrenzt werden. Strenge Sanktionen, Machtkontrolle und strukturelle wie juristische Konsequenzen sind unumgänglich. Und vielleicht braucht es hie und da auch radikale Ansätze. In ihrem bahnbrechenden Buch über die Betroffenenperspektive auf sexualisierte Gewalt  King Kong Theory  schreibt Virginie Despentes: «[…] es gibt Frauen, die immer noch das Bedürfnis verspüren zu betonen: Gewalt ist keine Lösung. Doch wenn der Tag kommt, an dem Männer Angst haben müssen, dass ihnen mit einem Teppichmesser der Penis abgeschnitten wird, wenn sie sich Frauen aufzwingen, dann werden sie ziemlich schnell lernen, ihre ‹männlichen› Triebe zu kontrollieren und die Bedeutung des Wortes ‹Nein› zu verstehen.»

  1. Der Begriff «Incel» (involuntary celibate) ist eine Selbstbezeichnung von Personen, die sich selbst als unfreiwillig sexuell oder romantisch abstinent ­wahrnehmen und dies in so gut wie allen Fällen anderen  vor allem Frauen  oder gesellschaftlichen Strukturen zuschreiben. Die vor allem online agierende Incel-Subkultur geht mit Misogynie, Opferdenken und Radikalisierung einher. Incel-Attentate und Amokläufe sind entsprechend gewalttätige ­Angriffe, die von Personen aus dieser Szene begangen werden und ideologisch durch Frauenhass und oftmals auch Rassismus motiviert sind.

  2. Deepfake-Pornografie bezeichnet pornografische Inhalte (Bilder, Videos oder Audios), die mithilfe von künstlicher Intelligenz manipuliert oder vollständig erzeugt werden, sodass das Gesicht oder die Stimme einer realen Person in einen pornografischen Kontext eingefügt wird  ohne deren Einwilligung und oftmals ohne deren Wissen. Deepfake-Pornografie wird als Form der sexualisierten Gewalt verstanden, betroffen sind in einer grossen Mehrheit der Fälle Frauen und Mädchen.

  3. Chemische Unterwerfung bezeichnet die Verabreichung von psychoaktiven Substanzen, um das Bewusstsein, die Entscheidungsfähigkeit oder die Wehrhaftigkeit einer Person zu beeinträchtigen. Dies geschieht ­heimlich, mit dem Ziel, Kontrolle über das Opfer zu erlangen.

  • Natalia Widla,

    *1993 in Cham, wohnt und arbeitet seit 2014 in Zürich. Sie ist freischaffende Journalistin und Textproduzentin und hat Politikwissenschaften und Gender Studies in Zürich studiert. Natalia Widla moderiert immer wieder Anlässe zu feministischen Themen und gibt Schulungen zu geschlechtsspezifischer Gewalt, Sexismus und der Manosphere. Widla ist Co-Autorin der Bücher Hast du Nein gesagt? (2023) und Niemals aus Liebe (2024).