Angestossen durch ein Seminar über Dietrich Bonhoeffer, finde ich mich aktuell öfter in Lektüre oder Dokus über christlichen Widerstand zur Zeit der Machtergreifung des Nationalsozialismus vertieft. Die Theologen Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller, die Benediktinerin Benedicta von Spiegel, der Dominikaner Laurentius Siemer, die Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis oder die Barmer Theologische Erklärung der Bekennenden Kirche von 1934: Beispiele christlichen Widerstands gegen den Faschismus, freilich in unterschiedlicher Radikalität, gibt es einige.
Aber es bleibt der Widerstand von Einzelpersonen, von klandestinen, oft losen Netzwerken. Die deutschen Amtskirchen hingegen waren sehr rasch gleichgeschaltet und fielen dem Antifaschismus in den Rücken, wie der Politikwissenschaftler und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin Johannes Tuchel betont. Organisierten kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab es nicht. Während die Ermordung von behinderten oder psychisch kranken Menschen in christlichen Kreisen Widerstand weckte, so war die systematische Vernichtung jüdischer Menschen beispielsweise lange kein Auslöser widerständigen Handelns. Die Barmer Erklärung benennt sie nicht. Eine Ausnahme ist dabei der berühmte, zensierte Radiovortrag von Dietrich Bonhoeffer am 1. Februar 1933, unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers, der explizit auch auf die Verfolgung jüdischer Menschen eingeht.
Ich frage mich: Wie sah es in der Schweiz aus, im Religiösen Sozialismus? Leonhard Ragaz hat die Grundzüge des Faschismus deutlich erkannt und früh Widerstand geleistet. Natürlich konnte der Schweizer Theologe in seiner unabhängigen Zeitschrift Neue Wege sehr viel freier berichten, als es seine deutschen Kollegen konnten. Aber auch für ihn war die Freiheit des Wortes eingeschränkt: Die Neuen Wege wurden 1933 in Deutschland verboten und während des Krieges in der Schweiz unter Vorzensur gestellt. Es ist eindrücklich, die Heftausgaben der Neuen Wege ab 1933 zu lesen. Nach der Machtergreifung der Nazis schreibt Ragaz, er sei noch nie mit so schwerem Herz ans Schreiben seiner politischen Rubrik Zur Weltlage gegangen. In den folgenden Monaten, Jahren schreibt er an gegen «Gräuel, Terror, Korruption», gegen die Verfolgung von jüdischen Menschen und Oppositionellen, gegen die Einschränkung der Pressefreiheit, die Militarisierung und das völkische Gedankengut, gegen die «Neutralitätspolitik» der Schweiz, das Schweigen der Kirchen … In Heft 4.1933 rufen er und Clara Ragaz ausserdem nicht nur zu Spenden für Geflüchtete aus Deutschland, sondern auch zu deren Beherbergung auf: Wer Platz habe, solle sich melden – die Hilfe solle «gut machen, was die offizielle Schweiz versäumt». 1938 wird die «Auskunftsstelle für Flüchtlinge» an der Gartenhofstrasse 7 gegründet. Zahlreiche Menschen verdanken diesem sozialen Netzwerk und seinem Engagement ihr Leben.
Auch wenn Leonhard Ragaz sich in mancher Prognose täuschte – beispielsweise glaubte er fest, dass der «Lügenbau», auf dem der Nationalsozialismus aufgebaut sei, nicht lange halten würde –, sind manche seiner Aussagen prophetisch. Sein Entsetzen kleidet er in grosse, manchmal pathetische und immer kämpferische Worte. Er, der als Pionier des jüdisch-christlichen Dialogs bezeichnet werden muss und beispielsweise bereits in den 1920er Jahren der damals in der Theologie und den Kirchen üblichen Überzeugung der notwendigen «Judenmission» widersprach, warnte ausserordentlich früh vor dem Antisemitismus der Nazis. Jüdische Menschen seien nach der Machtergreifung Hitlers nun besonders schutzlos, so Ragaz in Heft 3.1933. Menschenrechte wurden durch Notverordnungen aufgehoben. Damit wurde auch die rechtliche Grundlage zur Errichtung von Konzentrationslagern geschaffen, in die in einer ersten Phase vor allem politische Gegner*innen des Regimes – «Sozialisten, Demokraten, Pazifisten» – und später all jene, die vom völkischen Ideal des Nationalsozialismus abwichen, inhaftiert wurden. Während in der NZZ von Konzentrationslagern als «freilich etwas robustem staatsbürgerlichem Unterricht» die Rede war, wie Leonhard Ragaz in einer äusserst zynischen Fussnote kritisiert, berichtet er bereits 1933 von Morden an jüdischen Intellektuellen, von verschiedenen politischen Freund*innen, die in KZs umgebracht wurden, und beschreibt beispielsweise detailliert die Folter einer Berliner Sozialistin. In seinen Berichten bezieht er sich stets auf mündliche Quellen, er muss also weiterhin über ein funktionierendes Informationsnetzwerk nach oder aus Deutschland verfügt haben. Dabei entlarvt er die wahrheitsverdrehende Rede von der «Gräuelpropaganda»: Die Gräuel sind real. Die programmatische Verbindung von Lüge und Verbrechen macht er von Beginn an verantwortlich für den politischen «Erfolg» der Nationalsozialist*innen.
Erschreckend ist allerdings, dass Leonhard Ragaz in Heft 5.1933 schreibt: «Wenn auch Magnus Hirschfelds sexualethisches Institut drankommt, so werde ich ihm wahrhaftig keine Träne nachweinen.» Der jüdische Pionier der Sexualforschung und der Emanzipationsbewegung von LGBTIQ+ Magnus Hirschfeld lebte zu diesem Zeitpunkt nach verschiedenen brutalen Angriffen bereits im Exil, und sein Institut wurde im Mai 1933 geplündert und zerstört. Das «Drankommen» dieses Instituts erachtete Ragaz, so seine Formulierung, als «Gericht» … Dass der Faschismus auch alle verfolgte und bis heute verfolgt, die von der heterosexuellen Zweigeschlechterordnung abweichen, und dass er diese Ordnung mit brutaler Gewalt enger zurrte, hiess Ragaz also gut.
Die Gleichschaltung der Presse beobachtete Ragaz hingegen von Beginn an mit grosser Sorge und beissender Kritik. So in Heft 4.1933: «Aus allen Institutionen, die dem dienen sollen, was man Kultur nennt, werden hervorragende und berufene Vertreter entfernt und an deren Stelle vielfach grossmaulige, gelegentlich pathologische Nichtse gestellt, die nun dem ‹deutschen Wesen› zum Durchbruch verhelfen werden! Zu erwarten sind nun wohl einige wirtschaftliche Massregeln, welche die allgemeine Heilserwartung befriedigen sollen. Man wird auch hierin auf allerlei halb brutale, halb raffinierte Demagogie gefasst sein müssen.» Ragaz kritisiert, dass die Medien in die Stimmung des Schreckens, der Bespitzelung und der rohen Gewalt absurde Aussagen propagieren – wie jene des preussischen Ministerpräsidenten und massgeblichen Verantwortlichen für die brutale Gleichschaltung Hermann Göring, Deutschland sei noch nie so friedlich gewesen.
Mit den Kirchen geht Ragaz scharf ins Gericht: «All diesen unerhörten Dingen, all diesen Unmenschlichkeiten, all dieser Verhöhnung der Grundwahrheit des Evangeliums, all dieser Schändung des Kreuzes Christi, zum Teil im Namen Christi selbst geschehen, schauen die Kirchen als solche ruhig zu, sagen kein Wort, rühren keinen Finger.»
Mit seinen kämpferischen, anklagenden Worten machte sich Ragaz in der Schweiz keine Freund*innen. Sie änderten wenig an den offiziellen Positionen der Schweiz. Wie der langjährige Neue Wege-Redaktor Willy Spieler treffend zusammenfasst: «Hätte die Schweiz mehr auf Ragaz gehört, müsste sie sich heute ihrer Vergangenheit nicht schämen.»
PS: Falls Ihnen, liebe Leser*innen, gewisse Parallelen zu heute auffallen – ja, so geht es mir auch. Diese sorgfältig zu untersuchen, wäre Stoff für eine weitere Kolumne … oder: Tun wir es doch gemeinsam in unseren Gesprächen am Küchentisch, am Arbeitsort, im Verein, in der Politik und in der Nachbarschaft!