Wer sorgt für wen?

Sumaya Mohamed, Cevincia Singleton, Nada Sayed, Matthias Hui, 25. Juni 2026
Neue Wege 4.26

Sumaya Mohamed arbeitet als muslimische Seelsorgerin und Pflegeassistentin, Cevincia Singleton ist Pflegefachfrau und hat den Beruf kürzlich verlassen. Im Gespräch erzählen sie von der Schönheit der Pflege und ihren strukturellen Grenzen, von Sexismus und Rassismus im Alltag, von Spiritual Care und der Frage, was eine gesunde Ge­sellschaft eigentlich braucht.

Wer sind Sie, und was machen Sie in der Pflege?

Sumaya Mohamed: Ich bin 66 Jahre alt und habe seit dem Jahr 2000 als ausgebildete Pflegeassistentin in der Pflege gearbeitet. Momentan bin ich immer noch in der Betreuung tätig, ich arbeite über eine Agentur in Privat­haushalten. Und ich biete muslimische Seelsorge in Zürich an. Das ist der Peak meiner beruflichen Tätigkeit, die alles zusammenfasst, was ich an Wissen in der Familie, mit Bekannten und Freunden, in der muslimischen Community und auch in der Pflege gesammelt habe.

Pflege ist für mich eine wichtige Grundvor­aussetzung dafür, dass ich jetzt diese Seelsorgearbeit leisten kann. Ich bin über die QuaMS (Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen) in der Seelsorge. Über die QuaMS gibt es Festanstellungen im Unispital, in der Psychiatrischen Universitätsklinik, im Gefängnis oder in der Asylseelsorge. Ich bin im freiwilligen Pool der Hochschulseelsorge sowie in der Telefon- und Internetseelsorge aktiv. Begleitend mache ich die CAS-Ausbildung Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen der Universität Fribourg.

Cevincia Singleton: Ich bin Pflegefachfrau mit einem klassischen Werdegang, ich habe 17 Jahre Tätigkeit im Pflegeberuf hinter mir.

Ich habe bei der Spitex die Lehre gemacht und dort die Übergangszeit erlebt, in der die Spitex institutionalisiert wurde. Vorher wurde die Arbeit von Frauen aus dem Quartier getragen und hatte etwas Gemeinnütziges an sich. Dass die Spitex 2012 institutionalisiert wurde, war gut, fiel aber gerade mit der Verankerung der Fallpauschalen und verschiedenen Umstrukturierungen im Gesundheitswesen zusammen. Ich wollte dann aus der häuslichen Pflege im ambulanten Setting raus und erhielt eine Stelle am Universitätsspital Zürich (USZ) in der spezialisierten Überwachungspflege, der Critical Care. Ich betreute sehr kranke Menschen, bei denen meistens mehrere Organe in einem kritischen oder sogar lebensbedrohlichen Zustand waren. Parallel zur Arbeit in verschiedenen Rollen und Funktionen als Nurse am Unispital habe ich bis 2019 immer weiter studiert und mit einem Master in Pflegewissenschaft abgeschlossen. Nach fast zehn Jahren am USZ wollte ich wieder einen Wechsel vornehmen. Zuerst war ich im Asylwesen für medizinische Konsultationen und medizinische Sprechstunden zuständig. Zuletzt arbeitete ich in der Demenzpflege. Ich habe bei der Stadt Zürich in einer spezialisierten Pflegewohngruppe für mittelschwer an Demenz erkrankten Menschen gearbeitet, was grundsätzlich sehr schön und sinnstiftend war. Aber die Strukturen und die Institutionen waren nicht zufriedenstellend für mich. Ausserdem war ich die letzte Zeit auch Pflegende von eigenen Angehörigen. So habe ich mich entschieden, zumindest für eine gewisse Zeit einen anderen Weg zu gehen.

Seit einigen Monaten bin ich nun nicht mehr in der Pflege. Jetzt arbeite ich in der Forschung und Lehre am Institute for the Interdis­ciplinary Study of Language Evolution/Evolutionary Neuroscience of Language und am Universitätsspital Zürich im Fachbereich der Otorhinolaryngologie.

Sie haben beide sehr viele und auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Was steht für Sie exemplarisch für das Schöne, für das Schwere und auch für das Widersprüchliche in Ihrer Arbeit?

SM: Das Schwierige in der Pflege sind der Zeitmangel, der Druck, unter dem man steht, und auch die Dokumentationswut. Alle diplomierten Pflegenden werden mindestens zur Hälfte der Zeit von der direkten Pflege abgezogen, um die Arbeit dokumentieren zu können. Das Problem: Ich dokumentiere, was ich als Pflegende physisch getan habe, nicht unbedingt, was ich sonst noch getan habe. Aber als Pflegende bin ich ja für den Menschen da, dafür, dass ich ihm sein Leben ein bisschen angenehmer gestalte. Das ist das Schöne, gerade in der Demenzpflege, wo auch ich sehr gerne tätig war. Bei Menschen mit Demenz fällt alles weg, was den Menschen so unnahbar macht. Das ganze rationale Theater, das man spielen kann, ist weg. Es ist oft wirklich lustig mit dementen Menschen. Sogar wenn jemand am Sterben war, gab es trotz Demenz und egal in welchem Lebensstadium Zugang zur Gefühlswelt, zur Spiritualität und zum Wissen, das dort bei einem Menschen vorhanden ist.

CS: Ich kann vieles teilen, Sumaya. Auch ich habe die Arbeit mit Demenz­betroffenen als sehr schön erlebt. Beziehungsweise wäre die Grundidee unserer Institution eigentlich sehr schön gewesen. Wir hätten einen Garten gehabt. Wir hätten Tierpflege gehabt, Hasen, Hamster, Katzen. Aber ich war in dieser spezialisierten Pflegewohngruppe für 19 mittelschwer kranke Menschen allein als diplomierte Pflegefachperson zuständig, zusammen mit zwei Pflegehilfen. Wie wollten wir zu dritt 19 Menschen beim Essen helfen, zudem zuvor das Essen zubereiten, mit den Menschen Zeit haben, sie pflegen, den Angehörigen gerecht werden, den Garten giessen und die Einkäufe machen?

Die Essenszeiten sind ein kritischer Moment. In der Pflege von demenzbetroffenen Menschen hat die Stadt Zürich das agogische Essen implementiert. Agogisches Essen heisst, dass wir gemeinsam am Tisch sitzen und durch Spiegelung das Essen stimuliert und aktiviert wird. Wenn wir als Pflegehilfen geschweige denn als Diplomierte überhaupt Zeit hätten, einmal absitzen und mit den Betroffenen gemeinsam essen zu können, wäre das eine schöne Interventionsmöglichkeit.

Aber eben, ich musste, wie du, Sumaya, erwähnt hast, gleichzeitig alle Arbeiten dokumentieren. Ich musste 19 Medikamentengaben dokumentieren. So blieben meist zwei Pflegehilfen, die dann dieses agogische Essen durchführen konnten, was aber eigentlich auch deshalb nicht in Ruhe machbar war, weil man um sieben Uhr schon die Leute zu Bett bringen musste, damit man mit der Pflege bis zum Schichtende durchkam.

Diese Arbeit war eine Art Mogelpackung, auch für mich als diplomierte Pflegefachfrau. Ich hatte gedacht, dass ich etwas mehr Zeit hätte für die Betreuung, auch für Spiritual Care, was für so sensible und vulnerable Menschen extrem wichtig und auch gesundheitlich förderlich sein kann.

Pflege ist sehr weiblich konnotiert und gleichzeitig einer der Berufe, in denen sehr viele Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten. Das ist kein Zufall. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Wer sorgt für wen und zu welchen Bedingungen? Welche Erwartungen werden an Sie herangetragen – von Patient*innen, von ­Vorgesetzten, vom System allgemein? Wie wehren Sie sich dagegen?

SM: Ich habe mir, ehrlich gesagt, darüber nicht so viele Gedanken gemacht. Diese Konstellation war für mich nie ein grosses Problem, ich habe in tollen Teams gearbeitet. Wir waren natürlich mehr Frauen in der Pflege.

Umgekehrt waren die Leiter dieser Teams oft Männer. Ich habe persönlich einmal eine Beobachtung mit dem Leiter einer Nachtwache gemacht, die mich in einen Gewissenskonflikt brachte. Ich sah, wie aggressiv er mit den Leuten umging. Ich überlegte mir, das zu melden, unterliess es aber, da ich ganz allein dagestanden wäre, ohne Zeugen. Er war der Chef. Trotzdem waren Genderfragen für mich kein grosses Thema. Ich weiss nicht, wie das die jüngeren Mitarbeiter*innen erleben.

CS: Ich muss leider das Gegenteil berichten. Diskriminierungen sind eben auch ein Grund, wieso ich vom Pflegeberuf definitiv eine Pause brauche.

Meine ganze Laufbahn in der Pflege war von Sexismus und Rassismus geprägt. Als eine wahrscheinlich etwas jünger als mein tatsächliches Alter aussehende Woman of Color wird mir das Wissen oder die Professionalität halt wirklich alltäglich abgesprochen  sei das vom Patienten, der mich als Praktikantin oder Reinigungsfachfrau anspricht, obwohl ich eigentlich die Schichtverantwortliche oder die Pflegeexpertin bin, oder auch von Teamkolleg*innen. Von Mikro- bis hin zu Makro­aggressionen habe ich alles erlebt. Es ging sogar so weit, dass ich Anzeige erstatten musste aufgrund von Mobbing im Unispital. Je selbstbewusster ich wurde und je mehr Wissen ich hatte, desto schlimmer wurden diese Diskriminierungen. Wie du, Sumaya, es gesagt hast, sind Leitungspositionen oft von weissen, männlichen Kollegen besetzt, die zum Teil weniger qualifiziert sind als ich. So hat meine Motivation zunehmend nachgelassen, eine Leitungsposition anzustreben. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, wenn in der Pflege, dann sehr praxisnah mit den Betroffenen zu arbeiten, um eben auch diese Care-Arbeit mit einem ganzheitlichen Ansatz zu praktizieren.

In den letzten Jahren wurde Care oft aus feministischer Perspektive betrachtet; haben Sie das Gefühl, dass sich da etwas verändert hat?

CS: Das ist ein Politikum. Seit der Covid-Pandemie, seit der Pflege­initiative hat sich die Sensibilisierung in der Gesellschaft verbessert. Zum ersten Mal ist die Debatte über Care-Themen und feministische Perspektiven in der breiten Gesellschaft angekommen, was in der Annahme der Volksinitiative klar zum Ausdruck kam.

Allerdings werden nun Mogelpackungen produziert, es werden kleine monetäre Vergütungen gewährt. Aber eigentlich sind das Brotkrümel, die schon seit 50 Jahren längst fällig gewesen wären. Die wahre, nachhaltige Veränderung wird immer noch abgeblockt.

Ich bin nicht für eine vollkommene Verakademisierung im Pflegeberuf. Es ist wichtig, dass es verschiedene Rollen und Funktionen gibt, die zusammen zu guter Gesundheit und einer gesunden Gesellschaft führen. Aber wir benötigen Pflegende mit höheren Abschlüssen, etwa die Advanced Practice Nurse, die Pflegeexpertin. Wir haben einen Versorgungs­mangel, es fehlen Hausärzt*innen; Hausbesuche finden kaum mehr statt. Wenn wir mit einer Care-Linse zu den Leuten nach Hause gehen, wenn wir in die Familien und Communitys hineinsehen, kann präventiv eine Hospitalisation verhindert werden.

Der OBSAN-Gesundheitsbericht von 2016 weist nur bis zu 5 Prozent Pflege mit akademischem Abschluss aus; hinsichtlich Haus­ärztemangel und Versorgungsengpass ist das schlicht zu wenig. Es werden auch ungenügend qualifizierte Menschen in den Pflegeberuf eingeschleust, was zu einem erheblichen Qualitätsdefizit führt. 

Die Professionalisierung des Pflegeberufs ist in der Schweiz noch nirgends. Es wird immer noch, um wieder zum Thema Sexismus zurückzukommen, auf die rettende, fürsorgliche, sich aufopfernde Frau gesetzt, und diese Care-Berufe werden prekarisiert und ausgenutzt.

Seelsorge, Sumaya Mohamed, ist eher männlich konnotiert. Spüren Sie dort Unterschiede?

SM: Seelsorge ist traditionell eher männlich konnotiert, weil viele Pfarrer Seelsorger sind. Seit die muslimische Seelsorge lanciert wurde, ist es so, dass viele denken: Es kommt ein Imam, der ihnen Entscheidungen abnimmt, Fatwas gibt religiöse Auskünfte zu bestimmten Problemen  und eine metaphysische Vermittlerrolle zwischen den Patient*innen und Allah übernimmt. Wenn ich dann als Frau zu einer sterbenden Person komme, die seelsorgerische Unterstützung verlangt hat, kann es gut sein, dass sie erst einmal ganz konsterniert ist. Das ist mir auch schon passiert.

Aber ich sehe auch innerhalb der Ausbildung, dass gewisse Aspekte der Seelsorge von Frauen besser abgedeckt werden ­können, gerade das Eingehen auf psychische Pro­bleme. Wir haben in der Seelsorge schon unseren theologischen Rucksack dabei, aber dieser soll nicht einfach ungefragt präsentiert werden. Eigentlich geht es viel stärker um menschliche Begleitung, langsam tastet man sich heran: Was sind die Bedürfnisse, wo können Ressourcen sein? Dann kann auch das Theologische eine Rolle spielen. Ich finde es nicht problematisch, dass Frauen als fürsorglich wahrgenommen werden. Das Problem ist, dass das systemisch ausgebeutet wird.

Sie sprechen es an: Spiritual Care bewegt sich zwischen der medizinischen Logik des Heilens und einer anderen Logik, die fragt, was der Mensch braucht. Wo begegnen sich diese Welten, wo reiben sie sich?

SM: In der Pflege war das meine Basis, angefangen beim Validieren. Ich hole Menschen dort ab, wo sie sind, widerspreche ihnen nicht, sondern sage: Ja, okay, es kann so sein. Vielleicht geht es um etwas ganz anderes, und trotzdem bleibe ich bei ihnen. Spiritual Care ist in der Pflege verwurzelt. Es geht immer um Körper und Seele. Auch wenn ich als Seelsorgerin unterwegs bin, muss ich körperliche und soziale Kontexte mitberücksichtigen.

Und wo erleben Sie Widerstände oder Widersprüche? Haben diese Dimensionen in der Pflege genug Raum, werden sie ernstgenommen von der medizinischen Hierarchie und von einem System, das stark auf das Messbare, auf Effizienz und Monetarisierung ausgerichtet ist?

SM: Es kommt sehr auf die Stationsleitung an. Ich war als Springerin innerhalb der Stadt Zürich aktiv und habe verschiedene Pflegestationen gesehen. Wenn eine Leitung wirklich dafür sorgt, dass der spirituelle Aspekt oder das Wohlbefinden der Patient*innen im Vordergrund steht, hat das eine Chance. Aber es gibt auch Abteilungen, wo erst dann, wenn ein grosser Skandal passiert und die Medien kommen, die Notbremse gezogen wird und man sich auf das spirituelle oder emotionale Wohlbefinden besinnt.

Cevincia Singleton, welche Veränderungen sind für Sie notwendig, damit der Zugang zu den Menschen in der Pflege und Betreuung ganzheitlicher wird? Wo sehen Sie die zentralen Hebel?

CS: Auf der gesellschaftlichen Ebene muss eine Debatte über Pflege, Gesundheit, Leben und Tod stattfinden, eine Enttabuisierung des Sterbens und der Vulnerabilität. Gerade in einer Gesellschaft, die Immortalität und ewige Jugend erstrebt, ist die Debatte über Endlichkeit sehr wichtig.

Für die Institutionen sehe ich derzeit eher schwarz. Veränderungen müssen auf der Führungsebene stattfinden, um Raum für eine andere Kultur zu schaffen. Die Entwicklungen sind für mich haarsträubend. Führung in der Gesundheitskrise bedeutet, permanent Kompromisse einzugehen, auf Kosten der eigenen Gesundheit, zulasten von Personal und Patient*innen und unter dem Top-down-Druck, rentabel zu wirtschaften. Die Folgen sind Moral Injury und ein schleichender Verlust der Empathiefähigkeit.

Es braucht mehr Einrichtungen für ganzheitliche, spirituelle Pflege, Hospize und Palliativzentren wie das Zürcher Lighthouse, es braucht Gesundheitskompetenzzentren unabhängig von den üblichen Krankenhäusern, also vielleicht eher Gesundheitshäuser mit der Perspektive Gesundheit anstatt Krankheit und präventiven Angeboten für Communitys, Quartiere. Strukturell sehe ich bei den Institutionen eine Tendenz zur Privatisierung und eine Überbelastung der öffentlich-rechtlichen Einrichtungen. Mehr Prävention und Public Health, die Ausrichtung auf eine gesunde Stadt, eine gesunde Gesellschaft würden dazu führen, dass Spitäler und Altersheime entlastet werden.

Einerseits, sagen Sie, ist es wichtig, die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens und die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod stärker in die Mitte der Gesellschaft zu nehmen – und andererseits fordern Sie eine gesunde Stadt. Wenn wir dieses Stichwort hören, stellen wir uns vor: Alle müssen ins Fitness, alle müssen sich optimieren. Dann sprechen wir weniger von Krankheit, Tod, Leiden, Scheitern. Ist das nicht auch eine Gratwanderung?

CS: Ich denke, es ist eine Frage der Begrifflichkeiten. Lifestyle, der dem Individuum unter dem Deckmantel von Gesundheit und Selbstverantwortung verkauft wird  das ist ganz auf der individuellen Ebene. Aber ich rede eher von Healthy Communities, Community-Based Nursing, Community Care. Diese Konzepte gibt es noch kaum in der Schweiz, das ist eine Form von Care, ein öffentlicher Service, der in den Quartieren und Communitys angeboten wird. Es erinnert an die Arbeit, die Sumaya macht, oder auch an Seelsorge- und Sozialarbeit. In einem ganzheitlichen Kontext machen Nurses die medizinische und pflegerische Arbeit.

SM: Ich glaube auch, dass wir um die Sinnfrage nicht herumkommen, wenn wir die grossen Fragen nach Leben, Tod, Gesundheit und gesellschaftlichem Miteinander beantworten wollen. Auch nicht darum, unseren gesamten Lebensstil zu hinterfragen: Stimmt mein Alltag für mich, und bin ich auch emotional, spirituell gesund? Am Krankenbett, in der Pflege zeigt sich einer der Peaks des gesellschaftlichen Ungleichgewichts, aber das fängt viel früher an.

Wichtig ist auch, dass man Begriffe genauer definiert  zum Beispiel den der Menschenwürde, die in jedem Leitbild der medizinischen Institutionen zentral ist. Es gibt Unterschiede, wie wir Würde traditionell in Europa oder im muslimischen Raum verstehen. Oft wird Würde als etwas definiert, das mit Rechten zu tun hat, die Menschen gegeben werden müssen. Aber wie verstehe ich denn persönlich meine Würde? Sehe ich es als würdevoll an, wenn ich als alter Mensch im Spital sediert werde, damit ich nicht laut bin? Oder verstehe ich meine Würde so, dass ich meine Schmerzen auch aushalten kann, auch wenn ich dadurch vielleicht lästig werde? Die allergrösste Chance in der Pflege ist, dass wir den Menschen  im Gegensatz zur Technik  mit all seinen Qualitäten ins Zentrum stellen.

Was ist denn nun für Sie Gesundheit, ganz grundsätzlich?

SM: Für mich betrifft Gesundheit den ganzen Menschen  Körper, Seele, Geist  und ist ein Gleichgewicht. So sah es schon al-Balkhi im 9./10. Jahrhundert. Er hat die Gesundheit des Menschen als Zusammensetzung aus körperlichen, seelischen, sozialen und spirituellen Elementen verstanden. Auf dieses Verständnis kommt man gerade in der Psychiatrie aktuell wieder zurück. 

Gesundheit bedeutet, dass ich noch im Gleichgewicht bin, denn Krankheit ist überall auf der Lauer. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld zwischen Sterben und Leben. Für mich gehört die spirituelle Dimension unbedingt zur Gesundheit. Jeder Mensch hat irgendeine Form von Spiritualität oder Transzendenz.

CS: Gesundheit ist für mich neben Zeit eines der wertvollsten Güter. Darum ist es wichtig, für dieses Gut zu kämpfen, sei das, auf individueller Ebene auf meine Mitmenschen zu achten und fürsorglich durch den Alltag zu gehen, oder auf politischer Ebene dafür zu kämpfen, dass Gesundheit in einer positiven Form für die Gesellschaft bestehen bleibt  nicht als etwas Profitables, sondern als etwas Schönes.

Wo sehen Sie konkrete Möglichkeiten, für Gesundheit zu kämpfen?

CS: Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Gewerkschaften dabei eine wichtige Rolle spielen. Auch mit Seitenblicken etwa auf die USA finde ich die Gewerkschaften und die Organisation unter den Arbeiter*innen sehr spannend. Die Arbeiter*innenbewegungen sind eigentlich im Interesse von uns allen, weil wir alle von diesen Fragen betroffen sind.

Bei Spiritual Care geht es ja um die Be­gleitung eines einzelnen Menschen mit seinen Nöten und Bedürfnissen. Kann dennoch auch Spiritual Care einen Beitrag zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen leisten, zu einem gesunden Kontext?

SM: Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist die Grundlage von allem. Ich glaube stärker daran als an systemische Veränderungen. Und ich ergänze, was Cevincia gesagt hat: Alle Menschen, egal wo sie stehen, die sich darüber Gedanken machen, wo diese Entwicklungen hinführen, können zu einer besseren Gesundheit und auch besseren Bedingungen für die Pflege beitragen. Spiritual Care ist dabei für mich ein Meilenstein: Erstens geht es um die Mensch-zu-Mensch-Begegnung. Zweitens werden  in meiner konkreten Situation der muslimischen Care-Arbeit  Muslim*innen durch muslimische Spiritual Care als Akteur*innen innerhalb der Gesellschaft wahrgenommen. Sie tragen zur Gesellschaft bei und werden nicht nur durch die Brillen von Vorurteilen, etwa als Kriminelle oder Fremde, gesehen. Dass rund um Spiritual Care auf institutioneller Ebene ein Austausch stattfindet, trägt zu Gesundheit bei. Denn wie Cevincia gesagt hat, hat Gesundheit ganz viel mit dem sozialen Eingebettetsein zu tun. Sobald ich irgendetwas aussen vor lassen muss, wird das zu einer Quelle von Krankheit.

  • Sumaya Mohamed,

    , ist in Wegenstein/Österreich geboren und zwischen Österreich und der Schweiz aufgewachsen. 1984 bekannte sie sich zum Islam. Sie ist Mutter und Grossmutter und arbeitet beruflich als Pflegefachfrau und Seelsorgerin. 

  • Cevincia Singleton,

    , ist Pflegeexpertin, Dozierende, klinische Studienkoordinatorin, Aktivistin, Kulturarbeiterin und DJ aus Zürich, die sich für bessere ­Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen sowie für Antirassismus einsetzt. 

  • Nada Sayed,

    *1990, ist Journalistin und Co-Redaktionsleiterin der Neuen Wege.

  • Matthias Hui,

    *1962, ist Co-Redaktionsleiter der Neuen Wege, Theologe und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Menschenrechtsinstitution SMRI.