Rot und fromm

Geneva Moser, 27. Februar 2026
Neue Wege 2.26

Kurz nachdem ich die Co-Redaktionsleitung der Neuen Wege antrat, erschien in der NZZ ein Artikel über den Religiösen Sozialismus in der Schweiz. Rot und fromm, so der Titel. Trotz gönnerhaft-distanziertem Tonfall und einigen etwas amüsanten Beschreibungen eigentlich ein Glücksfall, so ein Artikel in einer grossen Zeitung. Aber er ärgerte mich: Kaum eine Frau kam darin vor. So schrieb ich dem Autor des Artikels eine kritische Rückmeldung: Wo sind die Frauen? «Der Präsident der Resos ist nun einmal ein Mann, Chefredaktor der Neuen Wege ebenso. Jo Lang ist einer der best­informierten Beobachter der Szene, Cédric Wermuth eine spannende Personalie in diesem Zusammenhang. Man kann wohl kaum mir die Schuld dafür geben, dass es vor allem Männer sind, die der Bewegung ein Gesicht geben …», schrieb er mir zurück. Mir, der Redaktionsleiterin der Neuen Wege, sichtbar in Heft und digitalem Auftritt … Schon vor mir bestand diese Co-Leitung aus einem Mann und einer Frau, das Vereins­präsidium der Neuen Wege ebenfalls, in der Redaktion waren mehrere Frauen, auch der Verein der Religiösen Sozialist*innen, der Friedensrat, die Theologische Bewegung waren und sind von spannenden, hoch engagierten Frauen geprägt. Und in der SP gab es reli­giöse Frauen. Rot und fromm und unsichtbar gemacht.

Fast wöchentlich sollten sich ähnliche Vorfälle in den nächsten Jahren wiederholen: das Buchprojekt, bei dem tatsächlich wieder einmal keine einzige Flinta-­Person mitschreibt, das Übersehenwerden am Hefttisch und das Überhörtwerden in Diskussionen, die unzähligen Mails und mündlichen Anfragen an den «Chefredaktor ­Matthias», die Idee, die erst dann gehört wird, wenn ein Mann sie formuliert, oder die feministische Perspektive, die als «Nischeninteresse» abgetan wird … Im Einzelnen geschah kaum einer dieser Momente in böser Absicht, und nicht alle hatten ausschliesslich mit Geschlecht zu tun, klar, aber in der Summe kosten diese Beispiele Kraft und Nerven. Beispiele, wie sie die meisten Flinta-Personen kennen und erzählen können. Besonders ärgerlich: Oft fällt unter den Tisch, dass es bei der Kritik an solchen Momenten nicht um eine simple Quote geht, sondern ums Ganze: Man kann keine Gegenwart analysieren und gestalten, keine Bewegungsgeschichte erzählen, keine Lösungsansätze formulieren oder Visionen entwerfen, ohne Geschlechtergerechtigkeit als grundlegenden Faktor einzubeziehen. Alles andere ist Herrschaftserzählung, Androzentrismus, Patriarchat.

Glücklicherweise sind das nicht die prägenden Momente, die die Arbeit bei den Neuen Wegen ausmachen. Und dass sich «der Chefredaktor» in der ihm zugeschriebenen Rolle alles andere als wohl fühlt, ist ja auch Teil der patriarchalen Effekte … Die Verständigung über Macht und Hegemonie, über Kanongrenzen und Aufmerksamkeits­ökonomien ist für uns alle, die die Neuen Wege prägen, immer wieder ein bewegender, herausfordernder, aber bisweilen auch lustvoller Prozess. Und es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich sehe, wie krisenresi­lient die Neuen Wege sich durch die letzten Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt und verändert haben. Dass ich dazu ein Stückchen beigetragen habe, nehme ich mit Freude in Anspruch. Und ich erlaube mir in dieser letzten Kolumne (sie zu schreiben, wird mir fehlen!) eine Art Schlussplädoyer. Denn die «rote und fromme» Perspektive ist weiterhin dringend nötig: In einer Zeit des Rechtsrucks mit seinem unverhohlenen antimuslimischen Rassismus, in einer Zeit, in der antisemitische Angriffe und Verschwörungsideologien zunehmen, in einer Zeit, in der differenziertes religiöses Wissen schwindet, in einer Zeit der Konjunktur des christlichen Nationalismus, in einer Zeit, in der ein völlig enthemmter Kapitalismus Menschen und Natur bis aufs Blut ausbeutet, da braucht es dieses Netzwerk, diese Community und diesen physischen Raum «Neue Wege». Denn hier kann fundierte Religionskritik stattfinden, hier ist Religion keine rein innerlich-spirituelle Sache, hier sind «Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung» keine altbackenen Floskeln und Alternativen zum Kapitalismus, keine Schreckgespenster. Und hier werden die alltäglichen Beziehungsbanden politisch verstanden und gelebt, hier hat Freundschaft immer wieder den Geschmack von Zukunft. Nicht nur in den Neuen Wegen, aber auch hier. Mögen deshalb noch viel mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungswelten hier andocken. Denn auch dabei geht es um mehr als um Vielfalt um der Quoten willen.

Ich für meinen Teil engagiere mich für die Neuen Wege in Zukunft gerne auch ehrenamtlich. Sicherlich wird auch das bisweilen herausfordernd: Manche Konflikte werden ungelöst bleiben, manche Idee erfolglos, mancher Lernprozess nötig, wie es auch in den fast acht Jahren in der Redaktionsleitung der Fall war.

Und an der Traditionslinie «Religiöser Sozialismus» knüpfe ich mit dem Projekt einer Clara-Ragaz-Biografie, angesiedelt am Institut für Kulturforschung Graubünden, ebenfalls an. Ein grosses Projekt! Auf beides freue ich mich  und bleibe damit ein wenig Teil der lebendigen Beziehungen und der unerschrockenen Zukunftshoffnung, die die Neuen Wege ausmachen. Wo sonst lässt es sich so schön rot und fromm sein?

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.