Ramadan in beispiellosen Zeiten

Nada Sayed, 27. Mai 2026
Neue Wege 3.26

Zum Zeitpunkt dieses Schreibens ist Ramadan. Ich merke, dass ich dieses Jahr nicht wirklich präsent war. Ich habe ihn nicht so gelebt, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich habe den Qur’an nicht aufgeschlagen, nicht reflektiert, ich habe nicht zugehört, bin nicht still dagesessen. Ich weiss nicht genau, was es ist. Keine Traurigkeit, keine Erschöpfung, nicht einmal Trauer. Es ist eher etwas wie ein Bruch, und es fällt mir schwer, mich nicht von den Widrigkeiten und Absurditäten dieser Welt überwältigen zu lassen.

Der Krieg im Sudan dauert nun schon drei Jahre und nimmt kein Ende. Die Angriffe auf den Iran und auf Libanon neben dem laufenden Genozid in Palästina. Die Entführung eines amtierenden Präsidenten durch Kriegsverbrecher im Kampf um Macht und Ressourcen. Grosses Spektakel um die strategisch inszenierte Veröffentlichung der Epstein Files. Und genau das ist Teil dieser Gewalt: Sensation betäubt uns und verleitet uns zur Verzweiflung und zu der Überzeugung, dass das, was wir erleben, aussergewöhnlich, abnorm und unvorstellbar sei.

Alles fühlt sich beispiellos an. Doch nichts daran ist es wirklich. Daran erinnert mich Jihad Abdulmumit in einer Online-Diskussion mit muslimischen Veteranen der Black Panther Party und der Black Liberation Army mit dem Titel Spiritual Preparation in Extreme and Revolutionary Times. Er war selbst Teil der beiden Organisationen und weist darauf hin, dass diese angeblich beispiellosen Zeiten Teil einer viel längeren Geschichte sind  einer Geschichte des Kampfes gegen Faschismus, Kapitalismus, Kolonialismus und Patriarchat. Gerade für Schwarze und kolonialisierte Menschen sind Menschenhandel, (sexuelle) Versklavung, Genozid und Zerstörung nichts Neues. Sie sind ein Erbe, das wir mit uns tragen. Das macht den Schmerz natürlich nicht weniger verheerend, aber es ordnet ihn ein. Es erinnert uns daran, dass diese Taten keine Anomalien sind, sondern Symp­tome dieser Systeme.

Ramadan ist schliesslich nicht nur eine Zeit von Rückzug und innerer spiritueller Erneuerung, sondern auch ein Moment der Bekräftigung unserer Verpflichtung zum Widerstand. Die Frage, wie frühere Generationen damit gelebt und gekämpft haben, stellt sich mir immer wieder.

Dieser Ramadan wurde mit neuen Angriffen eingeläutet. Mehr als hundert Schülerinnen wurden beim ersten Angriff auf den Iran getötet. Noch bevor irgendeine politische Analyse beginnt, noch bevor ideologische Positionen bezogen werden, steht eine einfache Tatsache: Da waren Kinder. Und jetzt sind sie es nicht mehr. Die Reaktionen deuten darauf hin, dass wir offensichtlich nichts aus Gaza gelernt haben.

Ich verstehe, dass Menschen, die von einem bestimmten Regime unterdrückt wurden, reale Wunden tragen. Das ist nicht die Diskussion, die ich übergehen will. Aber die Vorstellung, eine militärische Intervention könnte Freiheit für die Menschen im Iran bringen, erfordert ein Mass an historischem Gedächtnisverlust, das nach dem Irak, nach Libyen, nach Afghanistan und nach dem Putsch von 1953 im Iran selbst eigentlich undenkbar sein sollte.

Mir geht es hier in erster Linie nicht um die Politik der iranischen Führung, sondern um deren Instrumentalisierung zur Rechtfertigung eines US-israelischen Angriffs auf ein souveränes muslimisches Land.

Trump und Netanyahu präsentieren ihren Angriffskrieg als Teil eines göttlichen Plans, während der Iran seit Jahrzehnten als «islamistisches Regime» sanktioniert und erdrückt wird. Trotzdem heisst das Zauberwort vielerorts «Nuance».

Muslim*innen während des Ramadans anzugreifen, ist eine bewusste und kalkulierte Entscheidung, die Israel und seine Verbündeten immer wieder treffen  sei es in der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem oder im Iran. Aber auch Widerstand kann sehr bewusst im Ramadan verwurzelt sein: Schon seit Jahrhunderten haben muslimische Gemeinschaften die spirituelle Kraft des Fastenmonats dafür genutzt. Wie etwa im grössten urbanen Sklav*innenaufstand in der Geschichte Amerikas vor 191 Jahren. Geführt von Schwarzen muslimischen versklavten und ehemals versklavten Menschen in Brasilien. Diese Revolte wurde später als Malê-Revolte bekannt nach der Bezeichnung, die in Bahia für in Afrika geborene Yoruba und muslimische Gläubige verwendet wurde. Der Aufstand sollte bewusst während des Ramadans beginnen  an Laylat al-Qadr, der «Nacht der Bestimmung», in der der Qur’an dem Propheten Muhammad offenbart wurde. Für sie war der Ramadan eine Zeit von Mut und Würde.

Diese Tradition spirituell geerdeten Widerstands lebt, bis heute. Die Black Panthers in den USA zeigen es uns vor: Als sie ermordet, inhaftiert und bombardiert wurden, setzten sie dem staatlichen Terror eine materielle Antwort entgegen  und nicht Passivität. Abdulmumit war gerade einmal 16 Jahre alt, als er sich der Black Panther Party anschloss. Sie organisierten kostenlose Gesundheitskliniken, Bildungs- und Frühstücksprogramme für Kinder und hielten Polizeigewalt, Gangs und Drogen aus ihren Nachbarschaften fern. Diese Fürsorge fürchtete die Regierung am meisten. Deshalb erklärte sie den Black Panthers den Krieg und zwang sie in den Untergrund. Um den Kampf trotzdem weiterzuführen, «enteigneten» sie Banken mit der Überzeugung, dass das Geld ohnehin auf ihrem Rücken verdient worden war und sie es für die Befreiung ihrer Gemeinschaft zurückholen sollten. In manchen Banken wurden sie sogar mit Applaus empfangen. Abdulmumit verbüsste für seine Beteiligung 23 Jahre Haft. Heute setzt er seine Arbeit fort.

Dies war eine explosive politische Zeit, die unserer heutigen in vielem ähnelt: Militanz lag in der Luft, massive Proteste gegen den Vietnamkrieg erschütterten Städte weltweit, begleitet von ununterbrochenen Aufständen Schwarzer und indigener Gemeinschaften. Die Frage ist nur, was wir heute daraus machen. Auch wir sind Teil dieser Geschichte.

Der Ramadan erinnert uns jedes Jahr: Geduld ist keine Passivität. Glauben ist keine Flucht. Würde entsteht nicht von selbst.

In den letzten Tagen dieses Ramadans versuche ich mich an den Fäden festzuhalten, die jene vor uns so meisterhaft gesponnen haben. Mögen wir sie sehen können. Mögen wir sie festhalten. Und mögen wir den Mut haben, sie weiterzuspinnen.

  • Nada Sayed,

    *1990, ist Journalistin und Co-Redaktionsleiterin der Neuen Wege.